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Trost und Rat, ein Männerversteher
Die Lage ist ernst. Sommerferien. Meine Frau und die beiden Kinder machen eine Woche Urlaub bei meinem Vater in Spanien. Ich kann – berufsbedingt – leider erst in 4 Tagen nachkommen und muss dann auch noch einen Tag früher zurück.
Verstrohwitwet und bei kaltem Wetter und Regen in Deutschland zurückgelassen sitze ich nun hier geplagt von Vereinsamungsängste und der Sorge um das Aufrecherhalten meiner Lebensfunktionen durch regelmäßige Nahrungsaufnahme.
Grundsätzlich bin ich gut angelernt in die Ehe gegeben worden. Waschmaschine, Trockner und Staubsauger kann ich bedienen und eine warme Mahlzeit kann ich ohne übermäßige Zuhilfenahme von Fertigprodukten auch herstellen.
Aber wirklich schön ist das nicht.
Während ich nämlich dilettantisch und mit wenig Talent bedacht eben ein Essen nur „herstelle“, spielt meine Frau virtuos und begnadet das hohe Lied der Kochkunst und lässt täglich Wunderwerke entstehen, bei deren Komposition ich Alchemie und auch Hexenkunst nicht ausschließen kann.
Daher kocht eben sie und nicht ich und ich bin ihr jeden Tag sehr dankbar dafür. (Für alle Klugscheißer sei hier verwiesen auf die ökonomische Theorie der komperativen Vorteile, die in genau dieser Erkenntnis gipfelt…)
Neben dem Schmerz durch die Trennung von meiner Frau und den Kindern, leide ich also auch noch durch die Abwesendheit dessen, was einen solchen Trennungsschmerz lindern könnte, nämlich gutes Essen.
Da diese Situation selten vorkommt, mir aber nicht völlig fremd ist, habe ich vor einigen Jahren eine entsprechende Strategie entwickelt, mit der es mir gelingt so schwere Zeiten, ohne körperliche, vor allem aber ohne psychische Folgeschäden zu überstehen.
Ich lade mich an einem der getrennten Abende in ein gutes Restaurant ein – ich, mich, ganz allein, ohne Begleitung! Mindestens 5 Gänge müssen es sein. Ich konzentriere mich ganz ohne Gespräche nur auf das Menue und die begleitenden Weine und genieße das. Natürlich ersetzt das nicht die Anwesendheit meiner Frau, aber es lindert den Schmerz in hinreichendem Maße.
Diesmal war ich in Kaspars Restaurant in Bonn. Um es kurz zu machen (sic!), denn hier geht es ja nicht ums Essen, sondern ums Trinken und irgendwie muss ich so langsam die Kurve zur Bacheracher Wolfhöhle kriegen, sonst liest wirklich keiner mehr weiter, um es also kurz zu machen, es war absolut genial, tolle Menuefolge, eine so oft in Spitzenrestaurants vermisste Steigerung bis zum Hauptgang und kein Verschießen allen Pulvers bei den Grüßen aus der Küche, wunderbar abgestimmte Weine, perfekter Service und sofort kapiert, wie ich ticke und was ich will. Absolut empfehlenswert, ganz hoher Spassfaktor!
Aber was ist jetzt mit der Wolfhöhle? Naja, die habe ich natürlich auf der Weinkarte gefunden, da ich ja aber alleine unterwegs war, habe ich mich für die kleiner portionierten begleitenden Weine zum Menue entschieden, bekam die Wolfshöhle aber nicht mehr aus dem Kopf. Selbst in Spitzenrestaurants ist es ja mittlerweile nicht mehr leicht, ein gereiftes Großes Gewächs zu finden. Kindermord ist an der Tagesordnung, ob das nun wirtschaftliche Zwänge oder einfach schlechter Stil, die Macht des Handels oder blöde Kunden sind. Auf jeden Fall habe ich mich nach dem Menue anstelle eines Digestives für die Bacheracher Wolfshöhle, Riesling GG 2008 vom Weingut Ratzenberger entschieden und vorher klargemacht, dass ich die Restflasche in einer braunen Papiertüte mitnehmen kann.
Es war ein Glücksgriff, der 100% zu meiner Situation passte. So etwas habe ich selten erlebt. Gut, vielleicht haben mich die 5 begleitenden Weine und der Champagner davor etwas in die richtige Richtung gelenkt, aber den Rest hat auf jeden Fall der Ratzenberger geschafft.
2008, da erwartet man nach 8 Jahren Flaschenreife schon diese typischen, ölig-schmelzigen Noten, dazu etwas Erhabenes, Gesetztes, Überlegenes, keine ausgefeilten Säurespielereien, sondern so etwas wie „noblesse oblige“ beim Riesling. Die Wolfshöhle interpretiert diese Erwartungen, um es vorsichtige auszudrücken.
In der Nase erst einmal bestätigte Erwartungen: Ganz viel Creme und Schmelz, dazu diese wunderbare Öligkeit, die sich in konzentrierten (getrockneten) Fruchtnoten manifestiert. Da steckt dann schon viel Pathos dahinter (ich, allein zu Haus, verlassen, einsam, im Hintergrund schwere, tragische Musik, ja, dieser Wein hat mich verstanden, dieses Leben ist nicht das Leichteste), dann, am Gaumen eine große Überraschung, Frische, die man nach 8 Jahren so nicht erwartet hätte, Frucht, auch gereift, aber unterlegt mit einer schönen Mineralität, so als wollte mir der Wein eine Perspektive geben – ist alles nicht schlimm, sie kommt ja bald wieder, und bis dahin: Mach´s Dir schön, entspann Dich, alles easy, alles gut, Kumpel, Du und ich, wir kriegen das hin, passt schon!
Somit, ein Männerversteher für den angekratzten Herrn im Hause, ein Zuhörer und Raterteiler, kein typisch gereiftes, überwältigendes GG, sondern subtiler, kraftstrotzend zwar, aber eben auch jugendlich. Damit kommt er aber bei der Damenwelt auch gut an, sicher auch ein Frauenwein, weil er vielschichtig ist und Gegensätze bietet. Eher ein Sommer- als ein Winterwein, weil die anhaltende Frische nachhaltig im Gedächtnis bleibt. Auf jeden Fall ein Wein, den es zu probieren lohnt, auch wenn oder gerade weil, die Einordnung in die große Welt der GG hier nicht so leicht fällt.