Château Lamartine Expression 2011 Cahors AC

Ein Kumpel aus alten Tagen…Captain Jack ist wieder da….

Lamartine Expression 2011

Es klingelt an der Haustür, das wird er sein. Gestern Abend hat er angerufen und gesagt, er wäre in der Stadt und, ob man sich nicht mal wieder treffen könnte. Mein Gott, über 25 Jahre sind das her, Ihr seid zusammen zur Schule gegangen und abends um die Häuser gezogen, keinen Mist, den Ihr nicht zusammen gemacht habt. Ihr wart die besten Kumpels. Habt alles geteilt. Noch nicht einmal die ersten Mädels konnten Euch trennen. Nach dem Abitur hast Du studiert, in einer anderen Stadt, in einem anderen Land und irgendwie habt Ihr euch aus den Augen verloren. Du hast Karriere gemacht, verdienst gut, hast Stil, einen verantwortungsvollen Job,  ein Haus, eine Frau, zwei Autos und drei Kinder.

Über so ein Leben habt Ihr euch früher immer lustig gemacht.

Du hast Dich gefreut, als er sich gestern gemeldet hat, aber jetzt merkst Du, dass da zwei Leben aufeinander treffen und irgendetwas kratzt an Deiner Oberfläche. Eigentlich hast Du plötzlich keine Lust mehr auf ein Wiedersehen, eigentlich ist alles gut, so, wie es ist. Wieso die alten Tage heraufbeschwören?

Nein, Du brauchst Dich nicht zu schämen, für Deine Karriere, Dein Leben, für das, was Du erreicht hast, alles ist gut und richtig so. Jetzt klingelt er zum zweiten Mal. Du willst nicht!

Schnell, Hesse, wie war das noch:
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern…“

Durchatmen, das ist gut, richtig, alles verändert sich, Panta rhei, alles fließt, wir steigen niemals zweimal in den gleichen Fluss. Auch er wird sich verändert haben, wird sesshaft geworden sein, wahrscheinlich hat er genau wie Du diesen leicht Bauchansatz, die Haare werden sich genau so gelichtet haben, wie bei Dir und Abends schaltet sich der Fernseher fast von alleine ein, alles Gut, Ihr werdet in Erinnerungen schwelgen, werdet lachen über Eure Ideen von damals, „das Leben ist ja doch ganz anders“, er wird Dir Fotos zeigen, von seiner Familie und vom letzten Urlaub in der Toskana. Alles Gut, aber verdammt, wieso tauchen mit dem dritten Klingeln diese alten Songs wieder auf? Das waren die Gedichte Eurer Generation.

Fish/Marillion: „I´ll try everything once and that´s the way it should be. But it´s always the same getting caught up again in a habit.“

Und Joe Jackson: “We never leave the past behind, we just accumulate…”

Du musst die Tür nun öffnen und Joe macht Deine Schritte nicht gerade schneller. Da steht er, grinst Dich an, genau, wie damals, und Du weißt, dass kann heute ganz übel enden.

Eigentlich kennt jeder so einen Typen aus seiner Jugend, allerdings entstehen mit zunehmender Entfernung von selbiger natürlich auch Bilder, die vielleicht nicht immer so ganz mit der tatsächlich erlebten Realität übereinstimmen… Egal, im Ergebnis haben wir es aber auf jeden Fall mit einem extrem gut aussehendem, im tiefen Kern grundehrlichem, unangepasstem, querdenkendem, freiheitsliebendem (wir wollen ihn einfach nicht untreu nennen), smartem Revolutionärer zu tun, der ständig bereit ist, sich dem Establishment entgegenzuwerfen. Der Captain Jack Sparrow unserer Jugend.

…und genau so einer ist der Expression vom Château Lamartine aus dem Cahors.

Ein reinsortiger Malbec von tiefdunkler Farbe, sehr gepflegt, von alten Weinstöcken mit geringem Ertrag, 20 Monate in neuen Barriques gereift.

– Soweit zu gut aussehend und grundehrlich. Dass die Basis für diesen Wein aus einer kleinen Parzelle stammen soll, die von einem deutschen Kriegsgefangenen 1943 bepflanzt wurde und danach fast als einzige wie durch ein Wunder den großen Frost von 1956 überlebte, ist zumindest eine schöne Geschichte und mit der Wahrheit und dem Auge des Betrachters ist das ja bei Jack Sparrow auch so eine Sache…., aber man weiß ja nie…

Apropos Wahrheit und Ehrlichkeit und so. Lange Zeit wurde der „schwarze Wein“ aus dem Cahors im nahe gelegenen Bordeaux gerne dazu benutzt, den eigenen Weinen etwas mehr Farbe zu verleihen (diese Zeiten sind natürlich lange vorbei und heute ist so etwas selbstverständlich völlig ausgeschlossen). Heute hat sich das Bild gewandelt und die Weine aus dem Cahors sind deutlich mehr als Farbstofflieferanten. Hier entstehen Weine, die durchaus in der Lage sind dem Establishment des Bordelais wenn auch (noch) nicht auf die Füße, aber zumindest auf den dicken Zeh zu treten. Die Konzentration auf und das Herausarbeiten des Terroirs  bringen beständige Qualitäts- und Spaßfortschritte, bei wesentlich günstigerem Preisgefüge als im Bordelais.

So auch der Expression, der um die € 26,00 kostet, aber viel mehr wert ist.

Voll, vielschichtig, fruchtig (intensive, getrocknete Pflaume), daneben Röstnoten, Tabak, alles sehr dicht und ausdruckstark, ohne aber jemals fett zu sein. Das hier ist keine marmeladige Wuchtbrumme, sondern ein kumpelhafter Verführer, der mit seinen wunderbar eingearbeiteten Tanninen und einer herrlichen Frische spielt und umgarnt. Die eher mittlere Länge und niemals das Gefühl hier 14,5 % vol. im Glas zu haben laden zur Unbesonnenheit ein. Ein Abend mit dem Expression kann sicher auch übel enden, was den Kreis zu dem Kumpel aus alten Schultagen geschlossen haben sollte.

P.S. – ja, „P.S.“ Ich bin zukünftiges Mitglied der noch zu gründenden Gesellschaft zur Erhaltung des Post Scriptum. Wir müssen uns alle zusammen tun, um dieses wichtige Stilmittel in den Zeiten ungebremster cut-and-paste-Diarrhoe zu erhalten. Dieses schriftliche „ach, was ich noch sagen wollte“ ist vielleicht altbacken und schrullig, aber das sind Wackeldackel auf Hutablagen auch und auf die will so wirklich auch keiner verzichten.

Also, P.S.: Mir ist schon klar, dass die Verwendung des männlichen Artikels zum eigentlich femininen Wort „Expression“ grammatikalisch angreifbar ist. Ich habe mich aber bewusst dazu entschieden und meine auch, dass ich in diesem Zusammenhang unbedingt Recht habe:

Erstens: Sowieso

Zweitens: Dieser Wein ist einfach mehr männlich als weiblich und der Winzer hat sich dafür einen Namen mit falschem Genus ausgesucht. Also, seine Schuld und nicht meine.

Drittens: Durch meine – vermeintlich – falsche Verwendung des männlichen Fürworts tritt das Spiegelbild von Jack Sparrow auf der Oberfläche des Weins noch stärker hervor. Natürlich ist Jack Sparrow ein Mann, ein gestandener Pirat sogar, wenngleich Kajal und manch tuntige Bewegung hier auch einen gewissen Ermessensspielraum einräumen. …..„Die geschlechtliche Ambivalenz der Figur des Captain Jack Sparrow interpretiert durch die Verwendung des maskulinen Artikels bei einem femininen Nomen.“ (Ich glaube, ich muss jetzt dringend meinen alten Oberstudienrat für Deutsch anrufen, oder kotzen, oder beides…)

P.P.S. – Ja, das ist schön, da kann man noch ganz viele „P“ einfügen.

Im Text habe ich das Wort „apropos“ verwendet. Meine Frau und ich haben versucht unseren Kindern einen möglichst umfangreichen Wortschatz und die Liebe zur Sprache mit auf den Lebensweg zu geben. Das hat anfänglich auch recht gut funktioniert, bis sie in die Grundschule kamen, seitdem lernen wir wieder dazu, versuchen aber das Erlernte aus gesellschaftlichen Gründen nicht zu verwenden. Bei einigen Worten gab es aber immer wieder Schwierigkeiten, so auch bei dem erwähnten „apropos“. Dieses Wort nahm einfach keinen Einzug in die Sprachwelt unserer Kinder, sie wollten es anwenden, taten das auch im richtigen Zusammenhang, aber nie mit allen Buchstaben oder mit deutlich zu vielen, was sich stets sehr merkwürdig anhörte. Die rheinische Übersetzung „wobei“, oder „von wegen“, war auch keine Alternative. Also zerlegten wir das Wort aus pädagogischen Gründen in seine Silben „a-pro-pos“ und erklärten auch die stumme Funktion des  „s“. Nun sagen sie „aproparsch“ und wir denken doch über eine rheinische Lösung nach….

 

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