Eine Liebe im Languedoc
Im Languedoc gibt es ein altes Märchen, nachdem sich ein junger Graf unsterblich in ein einfaches Bauernmädchen verliebt haben soll.
Natürlich war dieser Liebe keine Zukunft gegeben. Der Vater des Grafen verbot die Verbindung schlichtweg aus standesrechtlichen Gründen und die Eltern des Bauernmädchens sperrten ihre auf unchristlichen Abwegen empfundene Tochter jeden Tag nach getaner Arbeit in ihrer Kammer ein.
Man merkt schon, dass die Geschichte kein wirklich gutes Endes nehmen konnte. Beide, der junge Graf und die nach der Überlieferung ausnehmend hübsche Bauerntochter, waren entsprechend verzweifelt, sahen sich ihrer Zukunft beraubt und erwogen den in ihrer Situation literarisch gut dokumentierten Ausweg des gemeinsamen romantischen Freitods.
Eines Nachts entfloh das Bauernmädchen ihrem Gefängnis und traf sich mit ihrem Geliebten auf einem Hochplateau des Languedoc, um gemeinsam dramatisch aus dem Leben zu scheiden. Beide öffneten mit einem tiefen Schnitt ihre Adern, legten sich Hand in Hand vor einen großen Cassis-Strauch und erwarteten so ihr sicheres Ende.
Gerührt von den nicht endend wollenden gegenseitigen Liebesbekundungen erschien eine Nymphe auf dem Plan, die in dem Cassis-Strauch lebte. Natürlich hatte sie nicht die Macht die beiden Liebenden zu retten, aber sie hatte die Macht die beiden mit ihrem Zauber für die Ewigkeit zu vereinen. So Band sie den jungen Grafen an den leichten Sommerwind, der sanft durch diese Nacht im Languedoc wehte und das hübsche Bauernmädchen an die Düfte der Landschaft, an den Cassis-Strauch, an das Rosmarin, den Thymian, den Wachholder und die Garrigues, auf das beide vereint sein konnten für alle Zeiten.
Als am nächsten Morgen der alte Graf vor seine Burg und die Bauern vor ihren Hof traten, da wurden sie von einem warmen Wind umfangen, der ihnen eine Mischung von Düften herbeitrug, die sie so noch nie empfunden hatten. Sie weinten fürchterlich, denn ihnen war sofort klar, was geschehen war.
Noch heute weht dieser Wind durch das Languedoc und bringt einen unvergleichlichen Duft, noch heute schwingt ein gutes Stück Melancholie in diesem Wind, aber mittlerweile auch eine freudige Leichtigkeit und der Hauch eines großen Glücks.
Heute hatten wir die spannende Möglichkeit zwei Jahrgänge des Château Les Pins von der Kooperative Dom Brial aus Baixas im Languedoc zu verkosten. Den 2006er zu einem phänomenalen Baby-Spinat-Salat, orientalisch mit Mandeln und Datteln, genossen im Weinkeller, ganz spontan ausgesucht und daher vielleicht noch etwas zu kühl, den 2010er dann wohl temperiert im Esszimmer zu Ratatouille, Falafel und Linsenplätzchen.
Beide Jahrgänge haben uns – in unterschiedlicher Form – die Liebesgeschichte des Bauernmädchens und des jungen Grafen noch einmal erzählt.
Der 2006er war in der Nase manifestierte Crème de Cassis, die sich am Gaumen intensiv fortsetzte, ohne klebrig oder marmeladig zu sein, eine fruchtige Frische, die man nach 10 Jahren auf der Flasche in dieser Region so nicht unbedingt erwarten konnten. Dazu erwachsene Noten von souveränem Pfeffer, subtilem Wachholder, und angenehmem Rosmarin. Einmal die oben erzählte Geschichte im Kopf kann man nicht umhin, diesen Jahrgang eher als weiblich zu beschreiben.
Der 2010er hingegen war eher jung und noch etwas wild. Deutliche Holztöne, Schokolade und eine schlotzige Crèmigkeit, die sich einen Abend später schon angenehm reduziert hatte. Auch hier Cassis, Rosmarin, Pfeffer und Wachholder, aber noch nicht so subtil und ausgefeilt, wie beim 2006er. Der 2010er wäre dann der eher männliche Teil des Paares, der gerne noch die Muskeln in Form von Tanninen spielen lässt, aber auf jeden Fall schon eine sehr gute Figur zeigt.
Beides Sehnsuchtsweine, die auf vibrierende Weise eine idealisierte Traumlandschaft in Südfrankreich ins Glas bringen und – aber das nur unter uns – wenn man genau hinschaut, dann sieht man auf der spiegelnden Oberfläche des Weines das schelmisch lächelnde Gesicht einer kleinen Nymphe und wenn man mit den Gläsern anstößt, dann hört man sie lachen. Ich schwöre!
Château Les Pins Côtes du Roussillon Villages, um die € 12,00.