…..die eine ist leer, aber, hups, die da neben ist noch ganz voll….. 😉
Das Entkorken einer Weinflasche ist ein besonderer Moment. Gefühlvoll, sinnlich, voller Erwartung, Vorfreude und genau dem Richtigen Maß an Unsicherheit, das genügend Spannung aufbaut, um sich auf das Kommende zu fokussieren. Auch die Gefahr des zu Tage tretens eigener handwerklicher Unzulänglichkeiten formt den Reiz der Situation (dagegen hilft zwar jahrelanges, hartes, diszipliniertes Üben, feit aber nicht vor Überraschungen). Jedes Mal, wenn ich den Korkenzieher ansetze sollte es ein mystischer Moment sein. Ein kurzes Innehalten, Sammeln und sich Öffnen für das, was dann folgt. Es ist wie der erste, engere Kontakt zu einem Menschen. Gesten, Blicke, erste Worte. Es ist wie ein erstes Date, das Treffen Ihres suchenden Blickes, wenn sie das Café betritt, das Erheben, das aus dem Mantel Heraushelfen und dabei das Wahrnehmen ihres mit Bedacht gewählten Parfums. Daher kann ich – trotz aller guten Argumente – das Einzughalten des Schraubverschlusses in höchste Qualitätsklassen nicht gutheißen. Dieses grässliche, metallische Knacken, alleine schon diese unsinnliche Drehbewegung des Handgelenks, das ist primitiver Rammelsex ohne Vorspiel, unerotischste Triebfolge (von „Befriedigung“ kann man in diesem Zusammenhang wohl nicht sprechen), das ist was für Trinker, aber nicht für Genießer. Basta und nicht diskutierfähig – verschränkte Arme, trotziges Gesicht, dickes Ausrufezeichen !
Was hat das jetzt alles mit dem Vin Jaune aus der Überschrift zu tun?
Nun, einiges, eigentlich alles, aber es gilt auszuholen. Der geneigte (oder gebeugte, im Folgenden wahrscheinlich sogar gebeutelte) Leser möge sich auf eine erhöhte Zahl an Buchstabenfolgen einstellen, denn schließlich ist ein Vin Jaune nun wirklich etwas Besonderes, was sich eben auch in der Anzahl der unbedingt notwendigen Zeilen widerspiegelt (und ich fass mich schon in kasteiende Kürze).
Dass ein Vin Jaune etwas Besonderes ist, hängt auch – aber nicht nur – damit zusammen, dass er über 6 Jahre nicht aus seinem Holzfass heraus darf und sich unter einer Hefeschicht ganz entspannt vor sich hinentwickelt. Der bei der Reifephase entstehende, natürliche Schwund an Flüssigkeit wird normalerweise vom Winzer aufgefüllt, damit die Weinoberfläche im Fass, die Kontakt zur Luft haben kann, nicht zu groß wird. Beim Vin Jaune geschieht das nicht. Der flüchtige Teil ist für die Engel und bleibt verschwunden. Damit die gläubigen Winzer zusätzlich zu dieser aufopferungsvollen Tat nicht auch noch einen wirtschaftlichen Schaden davontragen, haben sie einfach die Flaschen für den Vin Jaune um den Anteil für die Engel kleiner und (nicht allein) dafür entsprechend teurer gemacht. Auf diese Weise verhindern Sie auch bisher hartnäckig, dass dieses nationale Heiligtum aus dem Jura einer zu großen Anzahl Amerikanern in die Hände fällt, denn nach einem Abkommen aus der Zeit der Carter-Regierung ist es nicht gestattet Weinflaschen zwischen einer Größe von 0,375 und 0,75 l in die USA zu importieren. Der Vin Jaune wird aber in einer 0,62 l – Flasche abgefüllt, der so genannten Clavelin, und das kann man auch nicht ändern, natürlich nicht, warum auch, es heißt ja auch ordinateur und nicht Computer und das ist doch genau was es ist. Et voila!
Ich mag die Franzosen richtig gerne.
Vor einigen Jahren war ich auf diesen Wein durch einen Zeitungsartikel über das Jura (ja nun nicht unbedingt die zentrale französische Weinbauregion) aufmerksam geworden. Bei meinen Recherchen stieß ich immer wieder auf den Namen Macle, der nach verbreiteter Meinung zu den besten Produzenten gehören sollte. Genau von diesem sollte mein erster Vin Jaune sein!
Hoffnungsfroh durchpflügte ich das Internet und fand sehr schöne, aber leider auch recht desillusionierende Artikel. Z.B. den über eine Wandergruppe, die sehr freundlich von Jean Macle aufgenommen und mit reichlich Vin Jaune über mehrere Jahrgänge beprobt worden ist. Am Ende der Probe teilte man Macle dann die entsprechenden Kaufwünsche mit. „Mais Messieurs, das tut mir leid, meine Weine sind ausverkauft, ich habe nur noch wenige Flaschen für den Eigenbedarf!“
So, und genau das kenne ich von einer ganzen Reihe von Winzern, das scheint irgend so ein Psychoding unter Weinbauern zu sein. Erst letztens wieder bei der Erstpräsentation der Große Gewächse an der Nähe. Ich durfte alles probieren, alles war sehr lecker, aber kaufen – Fehlanzeige, alles schon weg! „Not even for ready money“, um es mit Oscar Wilde zu sagen. Dann damals bei Meyer-Näkel an der Ahr, er hatte seinen großen Durchbruch schon geschafft und wir klingelten vorsichtig und unangemeldet an seiner Tür. „Der ist in der Scheune!“ teilte uns eine ältere Dame unter missbilligendem Stirnrunzeln mit. Diese körpersprachliche Form der Ablehnung hatten wir natürlich auf die Störung durch uns bezogen. Als wir dann aber noch vorsichtiger an die Scheunentür klopften wurde schlagartig klar, dass wir nicht die Quelle der augenscheinlichen Unstimmigkeit waren. Denn Herr Näkel saß fröhlich zechend mit einigen Freunden aus Dernau an einem Tisch in der Scheune, umringt von einigen Weinflaschen, deren geringer Füllstand im umgekehrten Verhältnis zur Ausgelassenheit der sympathischen Runde stand.
Ein Supertyp!
„Ihr wollt was probieren, ja klar setzt Euch da hin!“ Schwups saßen wir an einem anderen Tisch in der Scheune, Werner Näkel verschwand kurz und taucht mit einem ganzen Arm voller Flaschen, einem Korkenzieher und 4 Gläsern wieder auf. „Schaut mal was Euch schmeckt, ich habe da hinten eine wichtige Besprechung, wenn Ihr noch was braucht kommt einfach rüber.“
….von wegen „wichtige Besprechung“….
Egal, wir probierten und fanden einige hervorragende Tropfen. Da es keine Weinpreisliste gab, notierten wir unsere Kaufwünsche auf der Rückseite eines noch nicht aufgeklebten Etiketts und störten dann vorsichtig die „wichtige Besprechung“. „Nee, kaufen könnt Ihr nichts mehr, alles ausverkauft, wenn Ihr wollt könnt Ihr Euch die angebrochenen Flaschen mitnehmen….“ Wie gesagt, ein Supertyp, gastfreundlich, weltoffen, extrem sympathisch, aber verkauft hat er uns nichts!
Ich habe über dieses Phänomen bei erfolgreichen Winzern nachgedacht. Wieso lassen sie potentielle Kunden überhaupt probieren, wenn sie gar nichts mehr zu verkaufen haben? Ist das geschicktes Marketing für die nächste Ernte? Ist das bewusstes Wecken von unerfüllbaren Begehrlichkeiten, um den eigenen Marktwert zu erhöhen? Ist das Teil einer lancierten Imagekampagne, um das eigene Produkt noch außergewöhnlicher und noch erstrebenswerter scheinen zu lassen?
Ich glaube, das Ganze ist viel profaner und es gibt nur zwei wirkliche Möglichkeiten:
- Alle erfolgreichen Winzer sind fiese Sadisten, die immer wieder mich und nur mich quälen und foltern wollen, alle haben sie es auf mich abgesehen. Die Amis waren nie auf dem Mond, in einem Hangar der Area 51 lebt ein Außerirdischer und Bill Gates ist der Teufel (letzteres ist wirklich so, denn wenn man die einzelnen Buchstaben seines Namens im ASCII-Code schreibt, zusammenzählt und die Zahl drei hinzuaddiert – weil nämlich eigentlich noch die III. zu seinem Namen gehört – erhält man 666 ! Q.e.d.)
- Es ist die kleine, persönliche, unglaublich wichtige Bestätigung für den Winzer, dass er es geschafft hat. Sein persönliches Schulterklopfen für sich selbst, der Satz: „Der Jahrgang war schon ausverkauft, bevor er in den Handel kommen konnte!“ ist eine Form verbaler Masturbation, die wahrscheinlich abhängig macht und daher immer wieder vor dem Kunden wiederholt werden muss! Moralisch total angreifbar, aber vielleicht gerade dadurch auch irgendwie sympathisch und ein wenig nachvollziehbar. Vor allem, wenn man bedenkt, welchem Unbill ein Winzer ausgesetzt ist, bis er zu dem elitären Kreis derer gehört, die diesen Satz sagen können. Trotz allen Verständnisses ist es doof, dass ich ihn so oft hören muss.
Soviel zur Psychoanalyse aus der Hausapotheke, wenn da noch jemand eine Frage hat….
Ich machte mich also im Internet auf die Suche nach einem Vin Jaune von Macle und fand – natürlich nichts. Meistens ist das aber ein gutes Zeichen, denn dann weiß man zumindest, dass man keiner Allerweltsgeschichte auf der Spur ist. Meistens ist das leider ein schlechtes Zeichen, denn dann weiß man, dass man nicht so einfach an den Stoff seiner Träume herankommt.
Zum Glück gibt es in solchen Situationen Patrick Sindezingue. Patrick Sindezingue (der dessen Namen man nicht aussprechen kann) ist vieles, ein wunderbarer Mensch, ein Hüter unglaublichen Weinwissens, ein Gourmet, der die phantastische Eigenschaft besitzt Weine und die passenden Speisen so eingehend und fühlbar zu beschreiben, dass ich jedes Mal Probleme habe die entstehende Menge an Mundwasser nur durch Schlucken zu bändigen. Der Mann weiß, dass er glücklich machen kann und tut es gerne. Außerdem ist Monsieur Sindezingue seit vielen Jahren Betreiber der Weinhandlung „Petite France“, nur wenige Kilometer entfernt und in dieser Eigenschaft der Weinhändler meines Vertrauens. Er ist Franzose, stammt aus dem Jura und hat natürlich einen Vin Jaune von Macle im Programm, sogar zwei Jahrgänge! Warum ich nicht immer direkt bei meinen Suchen bei ihm beginne, kann ich nur dadurch erklären, dass auch ich einen gewissen Ehrgeiz und Stolz habe und nur einfach geht einfach nicht.
Nur falls der Gedanke aufkommen sollte, Monsieur Sindezingue hat für diese und womöglich noch folgenden Lobhudeleien natürlich nichts bezahlt, auch keinen Naturalrabatt eingeräumt. Alles was ich hier schreibe geschieht ohne Bakschisch und aus reiner Überzeugung und alleine die Existenz seines Geschäftes ist Grund genug ihn zu erwähnen. Ach ja, ein wenig ……speziell ist er schon.
Freudig rief ich Monsieur Sindezingue an und erkundigte mich, ob er den Vin Jaune wirklich noch vorrätig hätte, ich könnte in einer halben Stunde bei ihm sein. Er hatte ihn noch. Aber ich noch nicht, noch lange nicht…..Monsieur Sindezingue empfing mich wie immer, sehr zuvorkommend, freundlich und interessiert. Er wollte wissen, wie ich ausgerechnet auf diesen speziellen Wein, von diesem speziellen Erzeuger gekommen sei. Ich berichtete in Kurzform, da ich sowohl wenig Zeit hatte, als auch einen deutlichen Trieb verspürte diesen Wein endlich in meinen Keller schließen zu dürfen. Eile ist aber bei einem so wichtigen Thema wie Wein nicht in Monsieur Sindezingues Welt vorgesehen (und natürlich hat er Recht, wenn nicht hier entschleunigen, wo dann?), außerdem befindet sich der Vin Jaune in seiner Schatzkammer, da kommt man nicht ohne nochmalige Prüfungen der moralischen Integrität hinein.
Also gut, nachdem ich alles überstanden hatte, auch den wirklich richtig guten Vortrag über die Geschichte des Vin Jaune nebst einiger spannender Stilblüten und ich kurz davor war, ihm einfach alles Bargeld aus meiner Brieftasche, dazu alle Kreditkarten und sogar die Payback-Karte aus dem Kaufhof (von der ich nicht weiß, wie sie in meinen Besitzt gelangt ist) einfach zur weiteren Verwendung auszuhändigen, wandte er sich endlich um, fixierte den Eingang zu seiner Schatzkammer und hieß mich, ihm zu folgen. Ein Ritterschlag durch die Queen selbst, das Große Verdienstkreuz am Bande, das Grand-croix de la Légion d’Honneur oder eine Jahreskarte auf der Ehrentribüne beim FC, nichts kommt an diesen Moment heran. Die knarrenden Holzbohlen der alten Scheunenhalle wurden zum roten Teppich, Blitzlichtgewitter der internationalen Presse, freundliches Lächeln nach links und rechts, die Winkehand locker angesetzt, der Triumphmarsch aus Aida treibt mich gemessenen Schrittes voran und wird gestört durch diese, diese…Stimme….
„Monsieur, Monsieur, Moment, ich habe da noch eine Frage.“
Was für eine Frage denn? Was soll das, wo ist die Regie? Wieso hilft mir hier denn keiner?
Von hinten angestrahlt von einem sphärischen Licht versperrt mir Monsieur Sindezingue wie Uriel den Eingang zum Paradies.
„Haben Sie eigentlich schon einmal einen Vin Jaune getrunken?“
„Nein, habe ich nicht, deswegen bin ich ja hier, und könnten Sie jetzt bitte zur Seite treten und dieses blöde Feuerschwert verschwinden lassen, damit ich endlich….Nein, warum denn nicht?
„Nun, Monsieur, haben Sie denn schon einmal einen weißen Côtes du Jura getrunken, der besteht aus Chardonnay und der Savagnin-Traube, aus der der Vin Jaune zu 100% besteht?“
„Nein, habe ich nicht, aber wenn wir jetzt bitte…., Sie haben doch auch noch andere Kunden, das ist für Sie wirklich ein einfaches Geschäft und ich habe doch schon am Telefon gesagt, dass ich einen Vin Jaun kaufen möchte….“
„Ja, das stimmt, aber da wusste ich nicht, dass Sie bisher noch keinen Vin Jaune getrunken haben. Unter diesen Umständen kann ich Ihnen nur den Côtes du Jura verkaufen, den trinken Sie erst einmal, dann kommen Sie zurück und berichten mir davon und dann lasse ich sie vielleicht an den Vin Jaune heran! Man trinkt einen solchen Wein nicht einfach so, erst muss man üben, lernen, sich herantasten, ein Verständnis entwickeln.“
„?“
„????????????“
Wieso passiert das immer mir?
„Hören Sie, Monsieur, hier ist Geld, davon können Sie sich viele schöne Dinge kaufen, Sie wollen diesen Wein verkaufen, ich will ihn kaufen, das nennt man Geschäft, Sie sind Kaufmann, ich bin Kaufmann, so geht das seit Jahrhunderten. Angebot und Nachfrage, ich habe aus Ihrem Hause eine Preisliste, da steht der Name des Weins, der Jahrgang und ein Preis, das nenne ich Angebot, ich möchte dieses Angebot gerne annehmen und 6 Flaschen dieses Weins kaufen, ohne zu handeln, einfach so.“
„Monsieur, 6 Flaschen, das ist ausgeschlossen, von diesem Weingut bekomme ich pro Jahrgang nur 6 Flaschen, die kann ich Ihnen gar nicht alle verkaufen.!
„…..warum nicht?“
„Ja, dann hätte ich ja keine mehr!“
???? !
An dieser Stelle hatte ich gleich mehrer Déjà-Vus und wusste, dass ich nun meine Taktik anpassen musste. Der Mann ist zwar Geschäftsmann, aber an erster Stelle Weinliebhaber, an zweiter Stelle Franzose und eben erst dann Weinhändler. Dankbar, dass es so etwas in unserer überkommerziellen Welt noch gibt, seufzte ich tief auf und willigte ein, den Côtes du Jura zu kaufen. Mein Vermittlungsvorschlag war, dass ich zwei Flaschen des Côtes du Jura erstehe, weitere zwei Flaschen des Vin Jaune und verspreche, zunächst den Côtes du Jura zu verkosten und erst dann an den Vin Jaune heranzugehen. Ein geschickter Schachzug, wie ich meinte.
Monsieur Sindezingue sinnierte einen Moment und dann zeigte sich ein erleichtertes Lächeln auf seinem Gesicht. Ein schöner Kompromiss, Franzose, Weinhändler und Kaufmann waren wieder vereint.
Kurz bevor ich dann die Weine (endlich) bezahlen durfte, um sicher zu sein, dass hier und jetzt auch wirklich ein Eigentümerwechsel stattfindet, hielt Monsieur Sindezingue noch einmal inne, schaute mich auf diese unheimlich fröhliche, begeisterte und begeisternde Art an, hob einen Zeigefinger, beugte sich etwas in meine Richtung und flüsterte fast, als würden zwei eingeweihte über ein altes Geheimnis sprechen: „Wissen Sie eigentlich, wie man eine Weinflasche mit Wachsverschluss öffnet?“
Upps, da hatte er mich voll erwischt. Meine wenigen Erfahrungen mit versiegelten Weinen hatten immer zu einer Riesensauerei und dem lächelnden Wink meiner Frau zu Staubsauger oder Aufnehmer geführt. Es macht nämlich weder Sinn den Wachsverschluss mit dem Messer (oder in Folge auftretender Verzweiflung mit den Fingernägeln) abzuknibbeln, noch ihn (parbleu, crétin) zu erhitzen, um ihn dann evtl. abzurollen oder gar abfließen zu lassen. Auch das Ansetzen eines Kellnermessers am Flaschenrand führt immer wieder zu Bruchstücken, die dann irgendwie doch im Wein landen.
Monsieur Sindezingue liest in meinem Gesicht, wie in einem Buch (was für ihn eine einfache Übung ist, nimmt er ja auch alleine durch mein Auftreten oder die ausgeübte Aussprache des Tageszeitengrußes war, welchen Wein ich möchte). Das folgende Schauspiel kann nicht mit Worten wiedergegeben werden, Monsieur Sindezingue hat vor mir derart perfekt eine imaginäre, versiegelte Flasche Vin Jaune geöffnet, dass ich sogar das Ploppen des Korkens beim Verlassen des Flaschenhalses gehört habe. Ich schwöre (die richtige Schreibweise wäre eigentlich „Ischwöre“ oder „Schwöre“; es handelt sich dabei um ein aus der Jugendsprache entlehntes rhetorisches Versatzstück, regelmäßig kombiniert mit weiteren Versatzstücken wie „Alter“ und „Ey“ – Bahnfahren bildet)!
Im Prinzip geht das Ganze ganz einfach:
- Draußen, niemals in der Wohnung, denn umherfliegende Wachsteilchen sind nicht zu vermeiden
- Die Spindel des Korkenziehers mittig durch das Wachs in den Korken eindrehen
- Die Flasche fest zwischen die (eigenen) Oberschenkel pressen
- Falls es sich um ein Kellnermesser handelt, nicht (bitte nicht) am Flaschenrand ansetzen
- Den Korken wie der Bauer bei der Vesper auf dem Feld mit Schmackes und gutem Glauben herausziehen, dass es ploppt.
So, jetzt sind wir wieder bei der Einleitung angekommen, soviel zur Erotik und Sinnlichkeit beim Öffnen einer Weinflasche. Meine Enttäuschung ist riesengroß. Vor allem weil das ganze Prozedere vermutlich am besten nicht mit dem Kellnermesser, sondern dem verhassten Wurzelholzkorkenzieher funktioniert.
Wenn man bedenkt, dass ja gerade die besonderen Flaschen versiegelt sind, dann bringt das meine ganze schöne Weinweltanschauung ganz kräftig ins wanken. Nun gut, nichts was man nicht mit ein oder zwei Gläsern des edlen Rebensaftes wieder in Ordnung bringen könnte. Danach muss man einfach nur die Argumentationskette ändern und dann ist dieses ursprüngliche, fast archaische Öffnen einer versiegelten Flasche plötzlich ein animalischer Akt, roh und kraftvoll unter Ausblenden jeglichen Intellekts untermauert von einem leichten bis mittleren Stöhnen wird jede Gegenwehr gebrochen und wenn dann mit dem Herausreißen des Korkens noch etwas Wein aus der Flasche ejakuliert, ja dann ist meine Welt wieder so wie sie mir gefällt.
Probiert das mal mit einem Drehverschluss und knurrt dabei wie ein Löwe…..
O.K., das reicht jetzt, aber bevor es zur Verkostungsnotiz kommt, noch ein kurzer Hinweis auf das P.S. dieses Geschreibsels. Monsieur Sindezingue hat mir nämlich noch berichtet, wie ihm überhaupt die seltene Ehre zuteil wurde die Weine von Jean Macle in seinem Handel führen zu dürfen, wenn sie doch eigentlich immer ausverkauft sind. Eine erwähnenswerte Geschichte, die
Patrick Sindezingue wundervoll vorträgt und ich versucht habe festzuhalten.
So, gut, dass ich nicht mehr mit Füllfederhalter auf Papier schreibe, denn sonst wären meine Notizen wegen der ganzen Tränenflecken nicht mehr lesbar. Eine Begegnung mit einem solchen Vin Jaune ist etwas ganz besonderes, nachhaltiges und macht auf eine freudige Weise demütig, ist aufreibend und kribbelt sich hinten im Nacken hoch, bis es im Kopf ganz wohlig warm wird (des Weintrinkers ASMR), die Augen quellen über und in Tränen gelöste Ergriffenheit muss am Glas vorbeigeleitet werden, damit dieses kostbare Geschenk französischer Götter nicht verdünnt wird.
Bevor man einen Vin Jaune verkostet, sollte man viele Jahre lang andere Weine getrunken haben. Man muss schon einiges an Erfahrung gesammelt haben, um dieses Phänomen würdigen zu können. Dies ist der erste Wein, bei dem ich nicht zustimmen würde, ihn nach „schmeckt oder schmeckt nicht“ zu beurteilen. Selbst, wenn der – erfahrene – Weintrinker zu dem Schluss kommen sollte „Nein, schmeckt mir nicht!“, so wird er ihn trotzdem trinken (da muss man durch) und sich in Richtung Jura verneigen, um zu Danken, was möglich ist. Der unerfahrene Weintrinker wird in wahrscheinlich schlichtweg nicht verstehen.
Nein, es ist kein Sherry!
Im Glas edelster Bernstein, klar und goldbraun funkelnd, in der Nase eine intensive Nussigkeit, am Gaumen eine unerwartete Frische und Leichtigkeit, auch wieder nussige Elemente, wie Walnusshaut, fast explosionsartig, auch getrocknete Früchte, Aprikose, aber immer wieder ein fast wellenartiges Spiel von Walnüssen, Erde und der erwarteten Oxidation. Aber gerade diese Oxidationsnoten hauen um, sind so spielerisch leicht, dass man ihnen mit der Zunge folgen will, getragen von einer provozierenden, neckenden Säure, die den Wein unglaublich ausbalanciert weiterführt. Hier steht ein echter Brummer im Glas, der das aber eigentlich nur durch seinen endlosen Abgang zeigt. Noch lange nachdem der Schluck den Mundraum verlassen hat geht dieses Spiel weiter, hebt und senkt sich, als hätten die Geschmacksrezeptoren im Mundraum eine Überdosis abbekommen, die sie noch lange verarbeiten müssen. Genial, einnehmend, zugänglich, aber nicht leicht, ein spannender Begleiter, ein immer etwas mystischer Gefährte, den man auch nach Jahren der gemeinsamen Zeit auf der sonst einsamen Insel, nie völlig begreift, einer, der zu neuen Ebenen führt. Unglaublich!
Um die € 65,00 – was, wenn man bedenkt, dass die Erinnerung an diesen Wein über Jahre ein Thema sein kann und man sich dafür in den illustren Kreis des Weinolymps eintrinkt, kein wirklicher finanzieller Schaden ist. Ich werde dieses Erlebnis noch meinen Enkelkindern (ob sie es denn geben wird oder nicht) – und allen die es hören wollen oder nicht – erzählen und jedes Mal diese konzentrierte Walnuss spüren, wie sie langsam durch meinen Mundraum hindurchdiffundiert und dann werde ich eine Träne aus meinen Augenwinkeln streichen, mich melancholisch zurücklehnen und einen hassenswerten Spruch auf die guten alten Zeiten loslassen.
Wie angekündigt:
P.S.
Wie schafft man es eigentlich als Weinhändler einen solchen Wein führen zu können? Nun, Monsieur Sindezingue hat es mir erklärt und ich gebe diese Geschichte hier gerne wieder.
Monsieur Sindezingue hatte schon vor einigen Jahren einen Vin Jaune im Programm. Er selbst stammt aus dem Jura und betrachtet es als einen notwendigen Akt der Völkerverständigung dieses Kleinod französischer Winzerkunst in die Welt zu tragen. Eine Art missionarischen Ruf, der fast religiöse Ausmaße einnimmt. Nun gab es aber Probleme mit dem alten Lieferanten und Monsieur Sindezingue musste sich einen neuen Winzer suchen und da dachte er natürlich an den Besten, den es im Jura zu finden gibt. Ein Anruf im Chateau Chalon:
„Bonjour, mein Name ist Sindezingue, ich bin Weinhändler in Deutschland und würde gerne Ihre Weine in mein Programm aufnehmen.“
Am anderen Ende der Leitung befand sich Madame Macle und gab dem Vorurteil, dass die Damen dieser Welt gerne lange Telefonate führen keinen wirklichen Nährboden.
„Bedaure Monsieur, wir haben keinen Wein mehr zu verkaufen!“
-Aufgelegt-
….
Nun, auch Weinhändler sind von Ehre und Ehrgeiz getrieben und so setzte sich Monsieur Sindezingue hin und schrieb einen Brief an Monsieur Macle persönlich, von Mann zu Mann sozusagen, nein, sogar von Franzose zu Franzose.
Er schilderte, dass er als Franzose, aus dem Jura stammend, seit Jahren in der deutschen Diaspora tätig sei, um das Licht des französischen Kulturgutes Nummer 1 in die Welt zu tragen, dass seine lange Tätigkeit langsam Früchte trage und er schon eine kleine Gemeinde auf den Weg der Tugend hatte führen können, ihm es nun aber, um den nächsten Schritt tun zu können, an dem Wein des Jura überhaupt mangele, ohne den der noch so trübe Weinverstand der Deutschen kein Erleuchtung finden könne.
Monsieur Macle verstand und schrieb –handschriftlich- zurück, dass Monsieur Sindezingue ihn besuchen solle, am besten am späten Mittwoch Nachmittag, da hätte seine Frau immer längere Besorgungen zu machen und man wäre dann ganz unter sich….
Monsieur Sindezingue machte sich die über 600 km auf den Weg ins Jura und traf am Mittwoch-Nachmittag auf der Domaine Macle ein. Um es kurz zu machen, die beiden Herren verstanden sich hervorragend und nach einer ausgiebigen Probe, zu der auch -etwas später- Madame Macle stieß und sich entgegen der ersten Befürchtungen als eine charmante, herzliche, wenn auch den produktionstechnischen Möglichkeiten des Weingutes gegenüber realistisch eingestellte Dame entpuppte, traf man die Vereinbarung, dass jährlich 6 Flaschen des Vin Jaune an Monsieur Sindezingue verkauft werden könnten. Ein historischer Moment. Kurz bevor man sich erhobenen Hauptes, aber schwankenden Schrittes verabschieden und die Rühmlichkeit des abgeschlossenen Geschäftes noch einmal intensiv kommentieren konnte, klingelte das Telefon. Auf der einen Seite der Sommelier eines deutschen 3-Sterne-Restaurants, auf der anderen Seite Madame Macle…..
Gemeinsam mit meiner Frau konnte ich dieses Restaurant am Jahresbeginn besuchen, die Weinkarte ist umfangreich, beeindruckend, flößt Ehrfurcht ein, aber einen Vin Jaune von Macle finden man dort nicht….
