Riesling meets Burgunder…….ohne Burgunder
Es gibt andere Varianten der nun folgenden Geschichte.
Möglicherweise erzählt selbst einer der beteiligten Protagonisten diese Geschichte auf eine ganz andere Art und Weise und….. möglicherweise hat er auch einen Grund dazu. Möglicherweise war auch irgendwo Alkohohl im Spiel, aber von diesen Dingen weiß ich nichts.
Wenn zwei Menschen Gleiches betrachten, sehen sie nicht das Gleiche. Wenn zwei Menschen den gleichen Wein verkosten, schmecken sie nicht das Gleiche. Die reale Welt ist verhüllt durch die Nebel unserer Eitelkeiten, Hoffnungen, Zwänge und Erfahrungen. Um den Schleier dieses Nebels zumindest ein wenig zu lüften, werde ich nun berichten, wie es sich wirklich zugetragen hat. Ich kenne die Wahrheit, ich muss sie kennen, denn ich habe den Wein getrunken, um den es hier geht (und wenn Ihr diesen Wein trinkt und Euch an meine –richtige- Variante der Geschichte erinnert, werdet Ihr mir Recht geben!):
Es war einmal ein junger Winzer, der hatte einen Traum und einen kleinen Weinberg von nur 1,3 Hektar.
Jeden Morgen, noch vor Sonnenaufgang, ging er in den Weinberg, lief dort anscheinend wirr umher, beugte sich hier nieder, ließ den Boden durch seine Finger rinnen, breitete dort die Arme aus, fühlte den Wind an seinem Körper und presste dann sogar seine Wange gegen den steinigen Untergrund um zu fühlen, wie viel Restwärme des vergangenen Tages hier wohl noch gespeichert sein könnte. Dabei murmelt er ununterbrochen vor sich hin.
Als er eines Morgens da so lag, stand plötzlich ein merkwürdig gekleideter Hippie neben ihm und sprach ihn an:
„Was machst Du da?“
………?
„Komm, steh´ schon auf, ich beobachtet Dich jetzt schon seit zwei Wochen, jeden Morgen das Gleiche, läufst durch diesen mickrigen Weinberg, wühlst im Boden `rum, drückst Deine Nase zu den Würmern in die Erde und brabbelst unverständliches Zeug. Das geht so nicht, was sollen denn die Leute von mir denken!“
„Ich, äh, wer sind denn Sie?“
„Aha, sprechen kannst Du also wenigstens. So, jetzt mal für die ganz Schlauen, Du bist doch Winzer, oder? Also, schau mich an, prägnanter Wanderstab, ein Weinkelch in meiner Hand, mein Haar modisch geflochten, umkränzt von scheinenden Reben….. ist eigentlich gar nicht schwer.“
„…..Bacchus?“
Bacchus (der Einfachheit halber im Folgenden nur noch „B“): „Prima, geht doch, und jetzt mal hinne, ich habe nicht ewig Zeit, unter Meinesgleichen spricht man schon über Dich, lass endlich das Rumlungern in meinem Gefilde und sag´ mir endlich was Du willst.“
Der Winzer (der Einfachheit halber im Folgenden nur noch „J“): „Ich möchte Wein machen!“
B: „Ah, was für eine Überraschung, so als Winzer, prima Idee, aber Du weißt schon, dass es nicht reicht dafür zu nachtschlafender Stunde im Weinberg abzuhängen und Selbstgespräche zu führen?“
J: „Es soll aber ein besonderer Wein werden, dazu muss ich alles genau verstehen, den Boden, das Wetter, die Lage, einfach alles!“
B: „Total bekloppt, was denn nun für Wein?“
J: „Riesling!“
B: „Ach so, o.k., dann mach halt, meinen Segen hast Du, aber nicht mehr ständig hier rumwühlen, das muss anders gehen. Ich muss jetzt auch langsam, irgendwo wartet ein Gelage auf mich.“
J: “Halt, warte, es soll ein ganz besonderer Riesling sein, anders als alles was es bisher gibt, ich will zeigen, was diese Traube kann, was man aus ihr herausholen kann, wozu sie fähig ist. Ich will…..neuen Riesling machen!“
B: „Schon wieder bekloppt, aber Du gefällst mir. Warte, irgendwo, muss doch…“
Er wühlt mit schrägem Blick nach oben in seinem Haarkranz herum und pflückt, leider ganz nah an seinem nicht ganz sauberen Ohr, eine einzelne Traube und reicht sie vorsichtig dem Winzer.
B: „Da, probier die, dann hast Du vielleicht eine Idee, den Rest musst Du selber machen, ich achte ein bisschen auf das Wetter und schau vielleicht auch mal in Deinem Keller vorbei und wenn Du fertig bist, dann trinken wir einen. So, ich bin dann mal weg. Ach so, Du weißt ja, ich bin auch ein großartiger Dichter, nur noch ein kleiner Tipp, Du musst auch andere Etiketten machen, was hältst Du von einem kleinen Gedicht, zum Beispiel: Sonne im Glas, wie gut ist das….Super, genial, ist mir gerade eingefallen, also geh´ ab jetzt Alter, lass jucken…..
…und er hat jucken lassen. Das Ergebnis ist ein (Einstiegs-) Wein für € 9,90, den ich so noch nie getrunken habe.
Totale Verwirrung, schon in der Nase, neben den Riesling-Noten von feinen Apfelaromen, Citrusfrüchten und einer tollen Mineralik (Gebirgsbach, rauschend über abgerundete Kieselsteine), zeigt sich eine burgundisch anmutende cremige Breite, Röstnoten, Haselnuss und Toast, etwas verwirrend, aber genial!
Wenn man einmal den Vergleich zu einem Burgunder im Kopf hat, geht das natürlich nicht mehr weg.
Am Gaumen zunächst wieder Riesling, voll, mineralisch, Salz, feines Spiel zwischen Süße und Säure, edle, von Hand gepflückte Amalfie-Citrus, die sich zieht, aber dann, wie durch die Hintertür und dann immer präsenter, Creme, Vanille, anhaltende Schlonzigkeit, Honig, Burgunder eben, ohne Burgunder, unglaublich, faszinierend, anders, neu, aber auf jeden Fall toll, dazu ein nicht unerheblicher Trinkdruck, der das Glas schnell wieder füllen lässt.
Schön ist das, das und auch das Leben und überhaupt und……und irgendwo lacht ein Gott…..
