Müller-Catoir – Mussbacher Eselshaut Weissburgunder Auslese trocken 1989 (!!)

Aus tiefstem Traum bin ich erwacht….

5.+6.10.2017 RIP

Das ist Stoff aus dem Legenden gemacht werden.

Hat seinerzeit DM (!) 16,00 gekostet, ich musste ganze € 6,00 ausgeben und IHR redet von Inflation…

Ich entdeckte die Flasche beim Stöbern in einem Konvolut großnamiger, aber vom Zustand eher wenig vielversprechender alter (hier steht bewusst nicht „gereifter“), deutscher Weine. Viele Füllstände unter Schulter, Etiketten zum Teil nicht mehr lesbar, mancher Korken nicht mehr dicht, viele Weine ganz eindeutig getrübt, ein vinophiler Wühltisch, Reste einer sicher einmal tollen Sammlung. Mich überkommt in einem solchen Moment immer eine Ambivalenz zwischen Jagdfieber und einer fast depressiven Traurigkeit über verpasste Momente und verlorene Träume. Es gehört sich einfach nicht einen -guten- Wein umkommen zu lassen, wie viel Freude und Genuss hätte in die Welt gebracht werden können…Wie gut, dass es doch noch Überlebende gab.

Einer davon war diese Mussbacher Eselshaut (gelobt seien die deutschen Lagenbezeichnungen) Weissburgunder Auslese trocken von 1989.

Trotz eines guten Füllstandes im Hals und einer klaren, wenn auch offenbar recht dunklen Farbe hatte ich aufgrund des Zustandes vieler anderer Flaschen bedenken. 28 Jahre sind auch für eine trockene Auslese kein Pappenstil und über die mehr oder weniger fachgerechte Lagerung lässt sich nie wirklich Sicherheit erzielen. Der (von mir nicht weiter verhandelte, was selten ist) Preis von € 6,00 für die Flasche machte mich allerdings komplett übermütig und ich ging voll ins Risiko.

Die Idee des Preis-Genuss-Verhältnisses finde ich absolut ätzend, mathematisch sowieso nicht haltbar, engstirnig und vor allem geizig. Klar unterliege auch ich Budgetrestriktionen (die ich leider beim Wein viel zu oft überschreite), aber ist die Kohle einmal weg (die man eh nicht trinken kann), dann sollte man sich voll auf den Genuss konzentrieren und nicht dem schnöden Mammon hinterherjammern. Klar kann der Preis auch einen Einfluss auf das Geschmackserlebnis haben, ganz bestimmt sogar, aber darauf darf sich der anspruchsvolle Trinker nicht reduzieren lassen. Genug des Pamphletisierens, ich habe auf jeden Fall noch nie so wenig Geld für so ein sensationell-elektrisierendes Geschmackserlebnis ausgegeben. Aber bevor mir das klar werden sollte, waren noch einige Jammertäler zu durchschreiten:

Nach einem spektakulär-peinlichen Malheur mit dem zerbröselndem Korken (das kann ja schon nix werden), musste ich den Weissburgunder durch ein Sieb dekantieren (so viel Luft nach so vielen Jahren, das kann nicht gut gehen…denkste !), eine goldene bis goldbraune Flüssigkeit ergoss sich ziemlich geruchslos in die Karaffe. – Ähm, da stand doch was von trocken auf der Flasche, sieht aber eher aus wie eine dickflüssige Beerenauslese (das wird nix…)! –

Dann, der Wahnsinn, im Glas öffnet sich die Auslese innerhalb von wenigen Minuten und lässt eine Duftglocke von plötzlichen Sehnsüchten nach frischem Rosinenbrot mit Butter entstehen. Der erste Schluck haut um, das hier ist nicht nur „noch trinkbar“, das ist einer der (zum Glück vielen) Zugänge zum Weinhimmel. Sehr intensiv, sehr stabil, voll und gradlinig. Wieder Rosinenbrot mit Butter, aber jetzt kommt auch noch eine gute Portion Salz dazu. Das weckt Kindheitserinnerungen an die von Mutter vorbereitete Verpflegung für längere Reisen. Rosinenblatz gut mit Butter bestrichen und kräftig gesalzen, zugeklappt, in mundgerechte Stücke geschnitten und stundenlang in Stanniolpapier eingepackt. Mit der sehr intensiven Salzigkeit spielt eine geschmeidige, sehr anziehende Säure, die einen intensiven Trinkdruck aufbaut, den man eigentlich bei einem so gereiften Wein nicht vermutet,

Extrem konzentrierte, trockene Frucht, so intensiv und trocken, dass die Frucht nicht mehr im Vordergrund steht, sondern schon fast fleischig wirkt. Umami. Nirgendwo auch nur der Hauch von Firn, keine Toastnoten, dafür etwas wie Buttergebäck, leichte Nusstöne, vielleicht Mandeln.

Stabiler, langer Abgang. Komplett rund, weich, filigran und doch kräftig.

Unter Aufbietung schier übermenschlicher Kraft lasse ich ab und verwahre etwas für den nächsten Tag. Auch das übersteht er, wirkt vielleicht etwas leichter, dafür vielleicht auch noch ein wenig präziser, aber auf jeden Fall mit noch mehr Zug. Und dann ist erst die Karaffe und dann auch bald das Glas leer. Weg, aus, vorbei. So wahrscheinlich nie wieder reproduzierbar und dennoch bleibt da etwas, ein Gefühl, vielleicht Ehrfurcht, so etwa als wäre man mit dem Genuss dieses Weines Teil von etwas deutlich Größerem gewesen. – Ich kann gar nicht glauben, dass ich das Schreibe, Esoterik ist nun wirklich nicht mein Ding, aber, da war etwas, nennen wir es Natur, nennen wir es Mystik des Weins, nennen wir es….., ach, egal, denn alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit.

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