War das eine Woche, mein Vorrat an gesprochenen Worten war schon Mittwochs erschöpft, aber leider hat das keinen interessiert. Zum Glück zeigt der Freitag sich gnädig, die Sonne scheint, es ist angenehm warm, aber nicht zu heiß. Die Familie ist am späten Nachmittag unterwegs und ich schleiche mich mit einem völlig guten Gewissen, einem Buch, einer Flasche Wein und einer guten Musikauswahl in den Garten. Hier werde ich nun schweigen, mindestens 2 Stunden lang. Der Wein, den ich mir zu dieser Chill-Attacke ausgesucht habe, ist ein 2015er Weissburgunder von der Nahe, € 7,00, Schraubverschluss, alles Gut.
Ich sitze, Musik läuft, Buch ist aufgeschlagen, ich schenke den Wein ein, schwenke, rieche, schmecke, wundere mich, schwenke, rieche und schmecke noch einmal und bemerke, dass das absolut perfekt ist. So etwas habe ich bei einem Wein dieser Preisklasse noch nicht erlebt, hier ist jede Nuance einfach nur angenehm, komplett harmonisch sind hier ganz viele Aromen eingebettet in einen zarten Schmelz. Das ist wirklich der perfekte (!) „lass es Dir mal ganz entspannt gut gehen“-Wein, wie eine Rückenmassage nach einer langen Arbeitswoche, ein Saunabesuch, oder das Beobachten der Wellen, wie sie an den Strand rollen (oder das archaisch-männliche Bedürfnis tumb ins Feuer zu starren), das Band an dem die Seele hängt, wenn man sie baumeln lässt. Nä, watt is datt schön, wie es der Rheinländer so treffend ausdrücken kann.
Allerdings war ich auf so viel Harmonie nicht vorbereitet und nun kommt ein einschränkender Konjunktiv (was ebenfalls sehr rheinisch ist): Hätte ich gewusst, wie entspannt dieser Wein ist, wären es zwei entspannte Stunden geworden, wusste ich aber vorher nicht und jetzt muss das ganze erst einmal untersucht werden! Musik kann an bleiben, Buch zu!
Die nun folgende Häufung des Wortes „angenehm“ ist mir 1. bewusst und hat 2. nix mit schlechtem Stil zu tun. Im Gegenteil, „angenehm“ bedeutet „angenehm“ und verkrampft nach Synonymen zu suchen ist eben nicht angenehm und schließt sich logischerweise mit diesem Wein aus (q.e.d.).
„Entspannter, angenehmer, vollmundiger Weissburgunder, angenehmer Schmelz, ohne übertrieben zu sein oder alles unter sich zu begraben, ganz filigran, schöne Nase mit angenehmer Länge. En Detail: In der Nase Aprikose und Lakritz, schöne, leichte Salzigkeit, Veilchenpastillen, alles locker „eingeschmelzt“ in Brot- und Butternoten, Vanilleschoten. Am Gaumen ganz reife Birne und auch reife Äpfel (was mich wundert, aber total…..angenehm ist), eine feine, angenehme balancierende Süße, ein Spritzer Leichtigkeit (also angenehme (!) Säure), wieder lockerer Schmelz und ein anhaltender, aber durchaus subtiler Abgang, der wie ein Ausgleiten wirkt.“
Da kommt mir eine Idee. Schluss mit Ruhe im Garten. Im Kühlschrank liegt noch eine angebrochene (selten !) Flasche Weissburgunder GG 2010 aus der Pfalz (der sehr renommierte und von mir hochgeschätzte Winzer soll hier nicht erwähnt werden, weil manch einer in meine Zeilen hineininterpretieren könnte, dass ich seinen Wein schlecht mache, was nicht stimmt, aber man weiß ja nie…). Den hole ich jetzt in den Garten und trinke die beiden gegeneinander. David gegen Goliath, € 7,00 gegen € 38,50. 2015 gegen 2010. Schnapsidee, aber trotzdem…
Das GG ist richtig gut, erwartet gut, aber dieser vermeintlich kleine Niederhäuser Weissburgunder hält anständig mit, kämpft dabei ganz authentisch mit seinen Waffen. Natürlich ist er lange nicht so opulent wie das GG, nicht so gereift und auch nicht so scharf akzentuiert, die Farbe ist viel heller und der Auftritt deutlich bescheidener, aber dafür präsentiert er sich viel runder, filigraner, ja tatsächlich spannender und zehrt natürlich immer noch von dem Überraschungsmoment. Eine tolle, runde Geschichte und für den heutigen Abend die perfekte Verkörperung des Wortes „angenehm“.
Liebes Weingut Mathern, keinen Glückwunsch von meiner Seite, denn mit Glück hat dieser Weissburgunder wenig zu tun, sondern Chapeau, das ist ein tolles Werk!
So, man muss nur die richtigen Themen finden, jetzt ist das mit dem Schweigen und dem Chillen auch vorbei, ich muss die Nachricht von diesem Wein in die Welt tragen. Entweder ich nehme jetzt eine Getränkekiste und stelle mich zu einem kleinen Vortrag auf den Marktplatz, oder ich rufe meine Frau an!
Worte, da seid ihr wieder….