Philip Kuhn – Luitmar 2010

Miraculix

Luitmar 2010

Auf seiner Homepage beschreibt Philipp Kuhn diese Cuvée aus Cabernet Sauvignon, St. Laurent, Blaufränkisch und Sangiovese als einen der spannensten, kuriosesten und erfolgreichsten deutschen Rotweine. Zumindest Letzteres lässt sich durch einen ersten Platz beim deutschen Rotweinpreis und mehreren Finalteilnahmen belegen.  Zu „spannend“ und „kurios“ kommen wir später.

Der Name steht für den Siedler Luitmar, der Luitmarsheim, heute Laumersheim, Heimat der Kuhns, gründete. Eine schöne Idee, die Philipp Kuhns enge Verbundenheit mit dem heimischen Terroir wiederspiegelt. Hier ist einer am Werk, der sich konsequent traditioneller Weinbaumethoden bedient. Das bedeutet an erster Stelle: Handarbeit, an zweiter Stelle: Handarbeit, an dritter Stelle:……. Die Ernte nimmt Kuhn in mehreren Durchgängen vor. Von Anfang Oktober bis Mitte November wird immer wieder im Weinberg selektiert und nur die gesunden und reifen Trauben geerntet. Das bedeutet Arbeit, Schweiß, Geduld, ständiges Abwägen und immer wieder das Risiko im Pokern gegen den Wettergott zu verlieren. Dazu ist so ein sich ständig wiederholender Prozess natürlich auch viel teurer, als eine Vollernte innerhalb von 5 Tagen. Im Ergebnis aber die ehrlichste, beste und wünschenswerteste Grundlage für einen guten Wein. So möchte man das haben. Im Keller bleibt es klassisch, Maischegärung z.T. über mehrere Wochen und dann Ausbau in jüngeren oder neuen Barriques über 16 bis 20 Monate. Ohne Ironie – und das ist zugegeben bei mir recht selten – Chapeau! Das ist bodenständig, fleißig, ehrlich und im besten Sinne traditionell. Als logische Konsequenz dürfte man einen hervorragenden, konservativen Wein erwarten. Hervorragend stimmt. Konservativ stimmt gar nicht.

Jetzt ist es an der Zeit Kuhns „spannend“ und „kurios“ wieder aufzunehmen. Wenn ich in Weinbeschreibungen „spannend“ lese, bekomme ich immer furchtbar Angst. Für mich ist das meistens die Übersetzung von einem höflichen „weiß auch nicht was ich dazu sagen soll“ oder einem noch höflicheren „schmeckt nicht, das aber auf viele fiese verschiedene Arten“. Getoppt wird „spannend“ nur noch von „interessant“. Interessant ist ein hässlicher Mensch, der aber wenigstens Abitur hat, bezogen auf Wein ist das Plörre, die aber wenigstens aus einem ungewöhnlichen Anbaugebiet stammt, oder auf eine besondere Art ausgebaut wird. Dieser sündhaft teure Kaffee, dessen Bohnen man aus dem Dung von Elefanten pult, der ist interessant, aber wer will so was?

„Kurios“ ist nicht wirklich viel besser. Kurios ist wenn man einen Riesling gekauft hat, den der Winzer schnell noch mit einem Etikett versehen hat und man dann zu Hause aus der gut gekühlten Flasche, an deren Außenhaut sich schon – manifestierte durstige Vorfreude-  hoffnungsvolle Kondenstropfen gebildet haben, einen viel zu kalten Spätburgunder ausschenkt (Mit freundlichem Gruß an Herrn Lelke, dessen Riesling Spätlese R 2011 ein tolles Erlebnis ist, wenn man nicht gerade seinen Spätburgunder in der Flasche hat…).

Gut, soweit zur Wortklauberei. Nimmt man allerdings einmal alles was die Worte „spannend“ und „kurios“ negativ belastet aus, dann verstehe ich Kuhns Aussage.

Dieser Wein ist aufregend, durchläuft gleich mehrere Spannungsbögen, wie eine Symphonie, die immer wieder neu aufbaut, um dann zum Teil unerwartete Höhen zu erreichen. Das ist ein Wein, mit dem man sich beschäftigen muss, kein Begleiter, sondern die Hauptperson. Mehr magisch als intellektuell, der Trinker benötigt hier eher empathische Fähigkeiten um sich dem vollen Genusse ergeben zu können.

„Kurios?“, nun ja, eher unerwartet, changierend, er schlägt Saiten an über die man sich zunächst wundert, vielleicht etwas den Kopf schüttelt, um dann interessiert noch einmal nachzutrinken. Dabei handelt es sich hier ganz sicher nicht um Kapriolen schlagendes, jugendliches Pubertiergehabe. Nervös ist er nicht, aber auch nicht vorhersehbar.

Ich merke, dass mich der Wein begeistert, stelle aber fest, dass ich mit Kuhns Namensgebung doch nicht so einverstanden bin. Irgendetwas ist an „Luitmar“ falsch, mal sehen, vielleicht bringt mich der eine oder andere Schluck weiter:

Anfangs ganz viel Wucht in der Nase: intensive schwarze, reife Früchte, Kirsche, schwarze Johannisbeere, etwas Tabak und Rauch. Am Gaumen dann ein wunderbarer Gegensatz, ganz trocken, schöne Gerbstoffe, die in einem ansonsten weichen Umfeld prägnante Akzente setzen, ein unerwartet frischer Wein, der dabei aber voll und wuchtig ist, langer, auch gerbstoffgepräger Nachhall, erinnert an reife Schlehe, aber versöhnlicher.

Soviel zu Beginn, nach einiger Zeit des Atmens nimmt sich die unglaublich opulente Nase etwas zurück, wird filigraner, die Tabaknoten treten etwas stärker hervor, der Zaubertrank wird…

Am Gaumen wird er weicher, breiter, die immer noch angenehm vorhandenen Gerbstoffe verdrücken sich nach hinten, an das Ende des Mundgefühls (finde ich übrigens sonderbar, eigentlich müsste das laut Mundchemie doch genau andersrum sein, aber bitte), der Nachhall wird erwachsener, kräftiger, viel Rauch, Tabak, eine einsetzende Schwere.

Das macht so viel Spaß sich mit diesem Typ zu unterhalten, er pulsiert, changiert, wird größer und irgendwann atmest Du 10 Minuten nach dem letzten Schluck durch die Nase aus und schmeckst den Duft des Holzfeuers, sitzt vor diesem Kessel mit Zaubertrank und bist umringt von alten Männern mit langen weißen Bärten und Du prostest ihnen zu und es sind Deine Freunde und es ist schön und es wird spät und irgendwie wirst Du Deiner Frau dieses Ding mit den goldenen Sicheln, dem Eichenlaub und den Mispelzweigen schon erklären. Und dann ist da ja noch dieser dicke Typ, der nichts abkriegt, weil da irgendwas in seiner Kindheit schief gelaufen ist, aber das verstehst Du im Moment auch nicht mehr so richtig. Ist eigentlich auch egal, obwohl der Dicke einen echt netten Eindruck macht …

Am nächsten Morgen, Montag (es ist immer Montag), klingelt der Wecker, es ist noch nicht mal 6 Uhr und zum Überleben brauche ich jetzt vor allem Schweigen und geregelte Abläufe, aber da entschlüpft mir vor dem Einsetzen geregelter Gehirntätigkeit der richtige Name für diesen Wein: Miraculix!

 

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