Preis-Genuss-Verhältnis

Ein für allemal: Das Konzept vom Preis-Genuss-Verhältnis ist Kappes, Kohlenrutsche, Kartoffelsack!

 Also erst einmal vorweg: Ich bin kein esoterisch geprägter zurück-in-die-Steinzeit-damals-war-alles-besser-es-lebe-der-Tauschhandel-bitte-kein-Fleisch-Ernte-nur-bei-Vollmond-Aktivist (wem habe ich jetzt nicht auf die Füße getreten?).

Im Gegenteil, die neolithische Revolution halte ich für einen Segen, ein auf Geld basierendes Wirtschaftssystem ist das Beste aller möglichen Wirtschaftssysteme (zumindest wenn mehr als 5 Menschen daran teilnehmen) und ich bin für freie Preisgestaltung. Mindestlöhne, Mietpreisbindungen, Buchpreisbindungen, Prämiendeckelungen für Top-Manager, alles Mist, unverantwortlicher, ungerechter, Pseudopolitpopulismus, der von unseren wirklichen Problemen ablenkt und kommunistische Züge in sich trägt! Es ist Zeit für Deregulierungen, nicht für weitere Staatseinmischungen. Wir sind näher an der Planwirtschaft als an einer wirklich sozialen Marktwirtschaft. Die Aufgabe des Staates in der sozialen Marktwirtschaft ist es sozialverträgliche und sozialausgleichende Rahmenbedingungen zu schaffen und nicht ständig regulierend in die immanenten Abläufe der Märkte einzugreifen und….aber, upps, das führt hier wohl zu weit und gehört hier wohl auch nicht so recht hin, aber löschen tue ich es auf keinen Fall, das steht jetzt hier und basta! Zurück zum Thema und

danke an den, der immer noch weiterliest!

Eigentlich wollte ich nur sagen, dass ich Geld für wichtig halte und beim Einkaufen durchaus auf Preise achten muss.

Trotzdem ist die Idee vom Preis-Genuss-Verhältnis Unsinn.

Allein schon mathematisch.

Nehmen wir den schönen Spätburgunder von Stephan Steinmetz von der Mosel. Der Kostet rund € 10,00 und bietet mir auf einer Genussskala von 0-100 eine gute 75 (rein persönlich, mit Tendenz nach oben). Das ergibt also bei 75/10 einen Genussfaktor von 7,5. Soweit gut.

Dagegen trinken wir jetzt einen typischen spanischen Supermarktwein, kostet € 1,00, macht keine Kopfschmerzen und ist Alkohol drin. Auf der Genussskala landen wir bei 12, nein, eher 10, also 10/1 = 10. Damit wäre der Genussfaktor des kurz vor Plörre-Weins höher als der des schönen Spätburgunders.

Noch schlimmer: Der spanische Supermarktwein ist plötzlich im Angebot und kostet nur € 0,50. Dann kommt es bei 10/0,5 zu einem Genussfaktor von 20 bei gleichem Wein! So geil kann Geiz gar nicht sein!

Noch viel Schlimmer: Sie haben richtig Kohle übrig und ergattern einen Château Petrus aus dem Legendenjahrgang 1945 für schlappe € 6.000,00. Ich garantiere, Sie haben noch nie so schnell so viele neue „Freunde“ und vor allem Neider gefunden. Rum, Reich und Ehre sind Ihnen gewiss. Eine glatte 100 auf der Genussskala, aber Oh-Weh: 100/6000= 0,6, Sie wären wohl besser bei dem Spanier geblieben.

Gut, ich gebe zu, da wäre noch das Thema Skalierung (verläuft Genuss exponentiell?) und man könnte evtl. auch diskutieren, ob der spanische Wein nicht die Genussskala über den Nullpunkt verschiebt, negativ wird und wir dann von einem Ekelfaktor sprechen müssen. Das sollten wir jetzt aber nicht weitertreiben. (Vielleicht ja doch: Genuss- oder Ekelskala liegt bei -100 für die schlimmste Plörre, die Sie je getrunken haben, die hat zwar nur € 1,00 gekostet, aber war wirklich richtig fies: -100/1 führt zu einem Genuss- oder Ekelfaktor von -100. Hätten Sie doch nur mehr für das Ekelzeug bezahlt, z.B. € 50,00, dann läge Ihr Ekelfaktor bei -100/50 = -2 und das ist doch nicht so schlimm. Merke also: Mieser Wein muss richtig teuer sein, dann tut es nicht so weh…?! – ganz lustig wird es wenn man für den -100 Wein € 2,00 geschenkt bekommt, nur um ihn zu trinken, dann hätten wir einen Genussfaktor von -100/-2 = +50, das ist dann vielleicht aber nur etwas für Alkoholiker und Masochisten).

Die wichtigen Dinge im Leben sollten nicht  verhältnismäßig, sondern absolut und vor allem losgelöst vom Preis betrachtet werden.

Natürlich gibt es Budgetrestriktionen, die hat fast jeder, aber das sind Eintrittsbarrieren, nicht mehr und nicht weniger. In unserer so sehr auf Geld (und Marken, das geht unabdingbar miteinander einher) fixierten Gesellschaft hat der Preis des Weines den nachweislich stärksten Einfluss auf das Geschmacksempfinden.

Das heißt nicht unbedingt, dass man teuren Wein immer als besser empfindet, im Gegenteil. Jeder Käufer hat je nach Alter, Erfahrung, Lebenslage und natürlich auch verfügbarem Einkommen eine Preisbandbreite in der er sich bei jeder Art von Einkauf bewegt. Passt ein Wein dann so gar nicht in diese Bandbreite, überschießt er etwa, wie der oben genannte Château Petrus, dann stellt sich oft ein Neidfaktor ein und der Wein ist „so toll nun auch wieder nicht“. Die Trauben an die ich nicht rankomme sind eben auch gar nicht so süß, basta.

Das gilt auch für Abweichungen nach unten. Je mehr man die Preisskala, nach der man üblicherweise Weine einkauft, noch oben verschiebt, desto schwieriger wird es einen wirklich günstigen Wein als gut zu empfinden. „Irgendetwas kann doch da nicht stimmen“, etwas so günstiges muss doch einen Makel haben….

Da lobe ich mir doch ein gesundes Unwissen.

Wein kaufen (im Rahmen des Budgets und manchmal – leider oder zum Glück – auch mal darüber hinaus) ab in den Keller damit und erst dann trinken, wenn der Mantel des Vergessens sich über das Loch auf dem Konto gelegt hat.

So kann ich, für mich, unbeschwerter genießen und erlebe im Nachhinein (immer erst im Nachhinein) so manche Überraschung, wenn ich dann nach dem mehr oder weniger erfolgreichen Weingenuss doch die alte Notiz über den Einkaufspreis heranziehe….

Natürlich gelingt das nicht immer und bei einigen Weinen vergisst man einfach nicht, wie teuer sie waren, so sehr man es auch versucht….., aber mir geht es ja auch gar nicht darum, den Preis als beeinflussenden Faktor völlig auszuschließen (denn tatsächlich existiert er ja), es ist eben nur wichtig dessen Einfluss zu relativieren.

Klar kann ein jeweils doppelt so teurer Wein nicht immer auch doppelt so gut schmecken, aber darum geht es ja auch nicht! Es geht um Erlebnisse, Geschmackswelten, Entdeckungen, schmachtende Nymphenblicke, die Dich tief in das Glas hineinziehen. „Gut“ schmecken viele Weine, eigentlich die meisten, „gut“ ist auch die Erfindung des Telefons, der Toilette mit Wasserspülung und „gut“ ist auch die städtische Müllabfuhr, wenn denn alles funktioniert – Wein kann auf jeden Fall viel mehr sein. Bis hin zu dem berühmten, letzten, nicht erklärbaren Rest, der einen beim Riechen plötzlich verstummen lässt, wo man ganz in sich kehrt, alle Sinne und Wahrnehmungen konzentriert und dann teilhaben kann an einem umfassenden Naturerlebnis. In diesem Moment kann man die Geheimnisse der Schöpfung erahnen (jetzt hab ich´s doch geschrieben).

Wer das schon einmal erlebt hat, weiß die dann nicht mehr vordergründige Bedeutung des Preises richtig einzuordnen.

Preis und Genuss gehören einfach nicht zu einer gemeinsam skalierbaren Gruppe.

Der Preis ist eine feste, messbare, vergleichbare Größe. Genuss ist weitläufig, individuell und kann in so vieldimensionale Extreme ausufern, dass er auf einem Zahlenstrahl nicht darstellbar ist.

Gäbe es zwei Weine, die mir den genau gleichen Genuss verschaffen, dann wäre das Preis-Genuss-Konzept anwendbar, aber ich hoffe und glaube, dass dem nicht so ist.

Es gibt so viele andere, schöne Verhältnisse, die man bilden kann ….und sollte:

 

  • Das Mittrinker-Genuss-Verhältnis
    • Ein Wein mit Angelina Jolie oder Megan Fox (wer´s mag) lässt sich möglicherweise besser genießen, als der gleiche Wein mit dem cholerischen, Körperduft betontem Nachbarn von nebenan
  • Das Orts-Genuss-Verhältnis
    • Im Weinberg sitzend, auf einer rot-weiß karierten Decke, Sonne auf der Haut, den Kopf geschützt durch einen leichten Strohhut, ein leichter Windhauch bringt angenehme Kühle (um alle Klischees zu erfüllen, könnte man noch schöne Hintergrundmusik, oder glücklich ihre Erntearbeit ausführende Winzer in das Bild fügen) führt zu besserem Weingenuss als der gleiche Wein in einer Kneipe, die ihre Kundschaft eher durch das Abo des Sky-Bundesliga Pakets generiert als durch aufmerksamen Service
  • Das Musik-Genuss-Verhältnis
    • Der gleiche Wein schmeckt – so man sich denn dieser Form der Kunst hinzugeben vermag – bei Verdis Troubadour ganz…. anders….. als bei Dance of Death von Iron Maiden
  • Das Erlebnis-Genuss-Verhältnis
    • Schön präsentiert, fachmännisch geöffnet, mit begleitendem Wissen kredenzt……da schmeckt der gleiche Wein möglicherweise besser als nach einem lauten „Plopp“ vergewaltigt mit dem Echtwurzelholzkorkenzieher jenes reisenden Weinvertreters, der mich vor vielen Jahren traumatisierte und der wahrscheinlich heute einen „Blanc de Blanc“ immer noch als „Blanchet de Blanchet“ anpreist. Schlimme Zeiten, damals. – Oder jene Wein-Butter-Fahrt eines wirklich sehr zweifelhaften Handelshauses, bei der man im „Restaurant“ eines ehemaligen Heims der Kinderlandverschickung, zwischen Rechauds voller Schweinebraten in brauner Sauce, der genau so roch, wie man es sich nicht wünscht, als Gastgeschenk eine Holzlokomotive mit 24 Schubladen zur Verwendung als Adventskalender – ungefüllt – entgegen nehmen musste und….Nein, begraben ist begraben…
  • Das Alles-was-es-sonst-noch-gibt-Rückenleiden-Sommerwiese-Streichholzmännchen-Drachenfutter-Wichtelbande-Genuss-Verhältnis

Es lassen sich bestimmt noch furchtbar viele Abhängigkeiten bilden (vielleicht hat ja auch das berühmte umkippende Fahrrad in China einen Einfluss – Wein aus chaostheoretischer Sicht, wäre mal was Neues..), schöne und weniger schöne, kreative und weniger kreative, je nach Weinseeligkeit und vorgerückter Stunde, klar ist nur, dass man Weingenuss nicht auf eine Komponente reduzieren darf.

Der Preis hat Einfluss auf das Geschmacksempfinden, sogar einen sehr großen, und man sollte versucht sein, diese Beeinflussung bewusst zu reduzieren, denn sonst verlieren beide, der Wein und der Genuss.

Das Schöne am Wein ist Vielfalt und die Neugierde danach und die sollte man ihm nicht durch die Suche nach dem höchstmöglichen Genuss zum günstigsten Preis nicht nehmen.

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