Ein Drache, viele Holländer, grundlegende philosophische Fragen, Katharsis, Apotheose, menschliche Leidenschaften und die Wingert Guerilla
Manche Dinge traut man sich nicht hinzuschreiben, denn es könnte sie ja jemand lesen.
Das gilt besonders, wenn es um Wein geht.
Das Teilen von wirklichen Entdeckungen in der Weinwelt ist eigentlich nicht zu empfehlen, führt es doch regelmäßig zu steigenden Preisen und zur Verknappung eines Gutes, das man sonst fast ganz für sich alleine gehabt hätte. Eigentlich müsste man, sobald man einen wirklich außergewöhnlichen, unbekannten, ja vielleicht sogar völlig unterbewerteten Wein entdeckt hat, eine Gollum-Strategie anwenden und das Entdeckte hüten, wie „meinen Schatz“. Gut, das ist egoistisch, gesellschaftlich verwerflich, führt, wie im berühmten Beispiel bei Tolkien deutlich gemacht, eher zur Vereinsamung, aber letztendlich hat man seinen Wein und gut ist….
Dem entgegen steht die menschliche Eitelkeit!
Was nützt das neue Auto in der Garage, wenn es der Nachbar nicht sieht.
Wie gerne würde ich mich von dieser Eitelkeit ausnehmen und behaupten, dass ich diesen Wein nur zur Förderung des Allgemeinwohls vorstelle, aber das stimmt nicht.
Moralische Abgründe tun sich auf, denn neben dem eitlen Stolz einen solchen Wein entdeckt zu haben, habe ich noch ein anderes, zutiefst egoistisches Motiv.
Diesen Wein muss es weiterhin geben, ich will auch die Jahrgänge 2010, 2011, 2012 und so weiter genießen. Dazu muss dieser Wein aber auch Abnehmer finden, denn sonst stampft Felix Pieper das Projekt womöglich irgendwann wieder ein. Die jeweiligen Produktionen (vielleicht über Mittelsmänner) selbst aufzukaufen habe ich tatsächlich überlegt, nach Rücksprache mit Familie und Bank musste ich von diesem Vorhaben aber leider Abstand nehmen.
So bleibt mir nur der Aufruf: Kauft diesen Wein, schlappe € 30,00 pro Flasche sind nicht wenig (das abgetretene, von Pseudo-Weinkennern so oft unter überheblichem Zurücklehnen und mit diesem selbstzufriedenen Glanz in den Augen – jetzt weiß ich was, dagegen kann keiner was sagen – hervorgebrachte Provinzargument „dafür kriege ich ja schon einen Franzosen“, lasse ich natürlich nicht gelten, warum erkläre ich hier nicht, das versteht sich von selbst und wer das nicht versteht ist eben selber schuld, für den ist der Pieper eh viel zu schade), soviel muss er aber auch kosten bei der ganzen Arbeit die dahinter steht (12 Monate im neuen Barrique, weitere 12 Monate im gebrauchten Barrique und dann noch einmal 10 Monate auf der Flasche, bevor es in den Verkauf geht) und wert ist er allemal viel mehr.
Eigentlich empfiehlt man keinen Wein aus der nördlichsten Region des Mittelrhein. Das macht man einfach nicht, wie bohren in der Nase bei Tisch.
Bis vor kurzem machte man sich damit noch sofort unglaubwürdig und die Chance hier nur mitleidig belächelt zu werden ist weiterhin sehr groß. Aber, Dinge verändern sich und, auch wenn ich meine Vorurteile liebe, sie erleichtern das Leben oft so ungemein, hier sind sie nicht angebracht. Noch bis vor kurzem lebten die wenigen Winzer rund um den Drachenfels von billigem, nicht unbedingt uneingeschränkt qualitätsorientiertem Literwein oder, wie im Falle des Weingutes Pieper, von den holländischen Touristen. Diese besuchten Königswinter und den Drachenfels auf der Suche nach Spuren aus der Nibelungensage. Zwar gibt es auf dem Drachenfels eine Nibelungenhalle mit alten Ölbildern, einer beeindruckenden Nachbildung des Schwertes Balmung und eine dunkle Höhle an deren Ende sich ein mehr oder weniger furchterregender Steindrache auf die ängstlichen Besucher nicht zu stürzen scheint, aber wirklich nachgewiesen ist eine Verbindung des Drachenfelses mit dem Nibelungenlied nicht. Das sollte man aber in Königswinter nicht unbedingt laut sagen, da verstehen die keinen Spaß.
Vielmehr scheinen findige Geschäftsleute zu Beginn des 20. Jahrhunderts (1913) mit dem Bau der Nibelungenhalle anlässlich Richard Wagners einhundertsten Geburtstags das ganze Ding mit Siegfried und dem Drachen gezielt mit dem Drachenfels in Verbindung und dann kräftig vermarktet zu haben. Liegt ja auch irgendwie nahe und ob das ganze nun authentisch ist oder nicht spielt für unseren Wein eigentlich keine Rolle – eigentlich nicht!
Denn in Ermangelung des echten Drachen und vor allem in Ermangelung des Blutes dieses Drachen, in dem man ja bekanntlich zu baden und dann unverwundbar zu werden hat, hat das Weingut Pieper einen Ersatzstoff geschaffen und produziert seit vielen Jahren unter der gesetzlich geschützten Marke „Drachenblut“, trockene und halbtrockene Rotweine. Meines Wissens führt der Konsum dieses Rotweins nicht zur Unverwundbarkeit, im Gegenteil vermute ich, dass man unverwundbar sein muss, um diesen Wein überhaupt trinken zu können. Weiterhin glaube ich, dass eine Vielzahl der auf den Autobahnen zwischen Königswinter und Holland auf den Standstreifen geparkter Wohnwagen mit der Mittel- bis Langzeitwirkung dieses Weines zusammen hängen. Egal, wenn man ihn nicht trinken muss, schließlich hat das Weingut Pieper viele Jahre mit dieser Marke, die tatsächlich in alle Welt exportiert wird, gut gelebt und nun mit Felix Pieper einen Winzer gefunden, der auf dieser sicheren Basis aufbaut und neue Dinge kreiert. Ohne die alte Kundschaft zu verprellen (das Drachenblut bleibt weiter im Programm) begibt sich Felix Pieper nun zu neuen Ufern. Das ist nun die Katharsis und die nachfolgende Apotheose. Denn Felix Pieper hat über die wirklich nur massentauglichen Qualitäten der Drachenblut-Weine hinaus etwas phantastisches geschaffen, eine neue Weingeneration, zu der eben auch der Spätburgunder „P“ zählt.
Im Glas ein tiefes Rot mit leicht violett schimmerndem Rand, eine warme Duftwolke die aufsteigt, tief dunkle Frucht, dazu Rauch (der Drache ?), warme, sonnenverwöhnte Walderde, Holz (natürlich), am Gaumen, dann ganz intensive, getrocknete Frucht, Kirsche, Brombeere, dazu wieder Holz, Erde und Salz, akzentuierende Tannine, die in einem ansonsten weichen Umfeld zu spielen scheinen. Das ganze schlonzt sich so wunderbar um die Zunge, dass man gar nicht schlucken will. Im Abgang auch Gewürze (Wachholder?), ein langer Nachhall, der mit der Verwunderung bei jedem Schluck mitschwingt, dass so etwas am nördlichsten Mittelrhein möglich ist. Chapeau Felix Pieper, das ist großes Kino. Ich hoffe und glaube, dass dieser charakterliche Richtungswechsel Erfolgt hat. Auf jedem Fall erzähle ich jedem der es hören will oder nicht, wie toll dieser Stoff ist und wie schön es ist, so etwas entdecken zu können.
Bis auf die Guerilla-Geschichte sind nun alle Themen aus der Überschrift abgehandelt. Das mit der Wingert-Guerilla wäre eigentlich einen eigenen Beitrag wert, daher hier nur die Kurzform: Die Wingert-Guerilla, Heinzelmännchen oder das Wunder von Königswinter.
Im Sommer 2013 wurden alle Weinberge am Drachenfels von der Bezirksregierung wegen Steinschlaggefahr gesperrt. Die Weinberge durften nicht mehr betreten werden, ein ganzer Jahrgang drohte am Stock zu verderben und die Winzer am Drachenfels und damit auch das Weingut Pieper sahen sich sorgenvoll einem großen, existenzgefährdenden Verlust gegenüber. Die Bezirksregierung ließ nicht mit sich reden, niemand durfte in den Wingert, trotz mittlerweile reifer Trauben. Allerdings gab es auch keine kurzfristige Lösung für das Steinschlagproblem. Da geschah es, dass über Nacht (oder über einige Nächte), die Ernte plötzlich eingeholt war. Die Wingert-Guerilla aus Königswinter (oder die Heinzelmännchen aus Köln?) hatte zugeschlagen und in einem Akt bürgerlichen Widerstands den Jahrgang 2013 gerettet, die Beteiligten wussten, dass ein Steinschlag sehr unwahrscheinlich war, schließlich lebten sie alle am Fuße des Drachenfelses und beobachteten tagtäglich seine Eigenarten. Daher trauten sie sich ohne bedenken in den Weinberg, über 200 Menschen zwischen 6 und 80 Jahren!
Das weiß aber natürlich niemand!
Denn wie nun entgegen der Weisung der Bezirksregierung die Trauben plötzliche vom Rebstock verschwunden waren und wer daran beteiligt war, dazu schweigen die Königswinterer. Selbst die nächsten Anwohner an den Weinbergen haben offenbar nichts bemerkt, die Trauben fanden sich plötzlich in den Kellern der Winzer wieder und rund 200 Königswinterer Bürger sind morgens ein bisschen später aufgestanden.
Alleine diese Geschichte ist Grund genug die Weingüter am Drachenfels zu unterstützen. Mit einem breiten Grinsen und einem zwinkernden Auge hat das Weingut Pieper aus den gelesenen Trauben einen besonderen Wein kreiert: Die Cuvée Guerilla. Das sind Geschichten, die ich mag.

Das ist mal ein toller Bericht