Tardieu-Laurent Bandol 2012

Mea culpa, mea maxima culpa….

Tardieu-Laurent Bandol 2012Es hat mich sehr viel Überwindung gekostet, diese Worte in der Überschrift niederzuschreiben.

Offenbar suche ich aber bewusst diesen öffentlichen Weg – nicht um Absolution zu erhalten, das ist wohl nicht möglich, sondern um demütig um Verzeihung zu bieten und vielleicht über den Prozess des Schreibens in mir selbst ein wenig Verständnis für mein schmähliches Handeln zu finden.

Tardieu-Laurent Bandol 2012

Diese Worte sind eine schwere Anschuldigung, eine Beichte, die Offenbarung massiver charakterlicher Abgründe und das sichere Zeichen des Sieges der Triebhaftigkeit über den Geist. Sicher geht es hier auch um Moral und gesellschaftlich Anpassung, natürlich. So etwas „tut man einfach nicht“, das „gehört sich nicht“.

Tardieu-Laurent Bandol 2012

Ein guter Profiler könnte anhand dieser 25 Zeichen sicher eine komplexe Täterbeschreibung abliefern und auch voraussagen, welche Schritte ich als nächstes unternehme. Das kann ein Weinliebhaber aber auch und dessen Urteil muss ich mich schließlich unterwerfen.

Anklage:

Die Anklage lautet auf Kindsmord in besonders schwerem Fall, rein triebhaft motiviert, haltlos, jeglicher rationaler Steuerung enthoben, primitiv.

Locker 160.000 Jahre Entwicklung des Homo Sapiens für´n A…..!

Kommt dem glücklich verheirateten, nicht so schlecht situierten, aber Midlife-Crisis gefährdeten Familienvater (leichter Schmähbauch, den man aber noch einziehen kann, Haare noch voll, aber zunehmend farblich zu allem passend, modisch eher in den Achtzigern vergessen worden, aber ungemein dynamisch – man kennt den Typ) ein silikoninduziertes, intellektuell neutrales Pamela-Barbie Weibchen über den Weg, verlässt er unter Zurücklassen sämtlicher mühsam erlangter geistiger Fähigkeiten seine Höhle, einzig bewaffnet mit der nach all den Jahren unbenutzten Daseins viel zu schweren Holzkeule und einem leider extrem hohen Überschuss an Mundwasser.

Nun gut, ganz so schlimm war es bei mir dann doch nicht, aber die Tendenz stimmt leider.

Verteidigung:

Ein Gleichnis: Trotz allem habe ich noch einen Freund (Familienvater, zwei Kinder, gleich und gleich gesellt sich eben gern). Der arme Kerl stand letztlich vor einer wirklich schweren Entscheidung. Er hatte sich ein tolles, sportliches, dazu alltags- und familientaugliches Auto geleistet. Audi A4, Kombi, 450 PS, V8: Dummer Sack! Nun lief der Leasing-Vertrag aus und das Thema Nachfolgemodell rief echte Probleme hervor. Audi hatte kein vergleichbares Nachfolgemodell und auch bei anderen Herstellern war zunächst nichts Vergleichbares zu finden, außer einem AMG Mercedes, ebenfalls Kombi mit V8 Biturbo und 510 PS, aber noch hatte jener Freund keine Lust auf Wackeldackel, gehäkeltem Klorollenverhüterli und dem klaren Imageverlust im Bekanntenkreis.

Natürlich suchte er meinen Rat, natürlich riet ich ihm umweltbewusst zum Downsizing und natürlich verliefen unsere Gespräche in etwa so:

„Was hältst Du denn von einem etwas geringer motorisierten Audi, so viel Kraft brauchst Du doch gar nicht, wo willst Du denn die ganze Power ausfahren?“

„Ja, ja, Du hast schon recht, allein der Verbrauch, aber der AMG hat einen Biturbo, V8 und 510 PS!“

„O.k., stimmt schon, ist saugeil, aber z.B. bei BMW gibt es auch tolle Autos, der neue 4er, über 300 PS und sieht wirklich super aus, damit könntest Du sogar wieder bei Deinen Kunden vorfahren und Deine Frau findet BMW doch auch richtig gut!“

„Mmh, ja, stimmt schon, den 4er habe ich auch schon zur  Probe gefahren, aber der AMG hat einen V8 mit Biturbo und 510 PS.“

„Aber hör mal, Mercedes geht gar nicht, das Image, außerdem sieht der von hinten aus, wie ein Transporter, das Heck, unmöglich.“

„Ja, stimmt, das gefällt mir auch nicht, außerdem bietet Mercedes noch nicht einmal beheizbare Rücksitze an (- Probleme-) und einen Link zu meinem elektrischen Garagentor gibt es auch nicht (- wirkliche Probleme-), außerdem gefällt meiner Frau der Innenraum nicht, aber……hey, hör ´mal 510 PS, V8, Biturbo….“

Klar, was er jetzt fährt….

An jenem Abend persönlicher Schwäche, als ich den Bandol viel zu jung trank, ereignete sich in unserem Haus Ähnliches.

Meine Frau aus der Küche: „Schaaatz, was wollen wir heute Abend trinken?“

Zur Erklärung: Ein langgezogenes A deutet bei meiner Frau entweder auf Rotwein, oder auf Champagner hin, der Wunsch nach Champagner schließt aber noch mehr von mir tunlichst eindeutig zu identifizierende Hinweise ein, so dass ich sicher war, die richtige Antwort geben zu können. Ich ließ meinen Blick über die potentiellen Kandidaten wandern.

„Wow, da ist noch der Bandol von Tardieu-Laurent, den Du mir zum Geburtstag geschenkt hast, irgendwie habe ich den noch nicht in den Keller gebracht.“

„Schattz (doppel T bedeutet leichte Kritik), der ist von 2012, viel zu jung, der braucht noch Zeit, was hast Du noch?“

„Ähm, ich habe hier noch einen Spätburgunder von der Ahr (Böse, FEHLER, so etwas sagt man meiner Frau nicht, ein deutscher Spätburgunder hat in den Augen meiner Frau trotz aller augenscheinlicher Qualitätsverbesserungen noch nicht den Status eines trinkbaren Weins erreicht, zum Kochen ja, eventuell, wenn nichts anderes da ist, aber nicht zum Trinken. Das hat ganz klar den Vorteil, dass ich manch wunderbaren deutschen Spätburgunder ganz alleine für mich habe und den entscheidenden Nachteil, dass ich manch wunderbaren deutschen Spätburgunder alleine trinken muss…. Auf jeden Fall hielt meine Frau meinen Vorschlag für so abwegig, dass sie die Küche verließ, um mir in einem offenbar schwachen Moment beizustehen und den richtigen Weg zu weisen.)

„Schatttz!“ (3 T !), ihr kritischer Blick viel auf die Weinauswahl im Esszimmer.

Ganz so schnell gebe ich dann doch nicht auf: „Öhm, immerhin eine Gärkammer GG von 2008.“

Ein Blick genügte und vorsichtshalber gab ich doch ganz schnell auf (später würde ich es als überlegte Taktik verkaufen, wem auch immer).

„Was ist denn mit dem Chianti, der wäre doch angenehm.“

„Ja, sicher, der ist nicht zu schwer und schön fruchtig, aber dagegen steht ein Tardieu-Laurent aus Bandol!“

„O.k. und was ist hier mit dem Shiraz aus Südafrika?“

„Ja, kräftig, voll, toller Wein, aber kein Tardieu-Laurent und nicht aus Bandol!“

„Und dieser Bordeaux, Lalande-Pomerol, das wäre doch was!“

„Wow, gut entdeckt, aber hier hätten wir einen Bandol, von Tardieu-Laurent…..“

Zwei schlimme Dinge: Erstens, ich habe meine Frau überzeugen können und zweitens, er war richtig gut.

Enorm reichhaltig und komplex, in der Nase ausgedehnte Felder von Waldbeeren, Himbeeren, dann schwarze Früchte auf üppig-fruchtbarem Waldboden, ganz sauber eingebundene Tannine, ein geschmackliches Bad in der reichhaltigen, überquellenden Kraft der Natur, ausfüllend, anhaltend, angenehm süße Elemente, nie marmeladig, aber immer voll, leichte Schokoladentöne, dazu die ganze Zeit das Gefühl auf einem vor Kraft strotzenden, aber doch noch unerfahrenem, jungen, noch nicht voll zugerittenen Hengst zu sitzen. Kräuter, Würze, von der Abendsonne beschienene Felsen und vieles mehr.

Toll, ein aufregender, ergreifender und zum Innehalten einladender Wein, mehr als viele andere Weine jemals erreichen können und damit hätte es gut sein sollen. Ein weiterer 4,5-Sterne-Wein auf der Skala von 0 bis 5. Ein Sieg, eine Entdeckung, Hurra!

Leider begann er ab dem zweiten Schluck mit mir zu reden und nicht so, wie ich erwartet hatte:

„Was machst Du da, ich bin noch nicht fertig, das kann ich alles viel besser. Weich sagst Du, rund sagst Du, ph, das ist nichts, Du hast keine Ahnung, das sind Ecken, Kanten, meine Tannine sind wild und schwirren ungebremst umher, Schokolade, ja, dunkle Früchte, ja, Holz und Wind und Sonne und Erde und die Würze der Provence, das kann doch fast jeder, das ist nichts, das hast Du jetzt alles schön einzeln herausgefunden, aber in ein paar Jahren wäre ich das alles zusammen gewesen. Hör auf, lass das, Du trinkst schon wieder und dieses triumphierende Wohlfühlgrinsen auf Deinem Gesicht. Kretin, ungeduldiger, haltloser, nichtsnutziger Kretin. Ein paar Jahre noch und Du hättest mich gereift, erwachsen, souverän und in einer komplexen, kaum auseinanderdefinierbaren Gesamtheit kennengelernt. Jetzt bin ich nur irgendein Guter unter Vielen. In wenigen Jahren hättest Du etwas ganz Großes haben können, aber das ist nun vorbei. Schluss, aus, ich schweige!“

Das Schlimme: Er hatte recht!

Das Gute: Meine Frau hatte mir zwei Flaschen geschenkt und die Zweite liegt jetzt ganz hinten im Keller! Vorsichtshalber habe ich aber beim Einräumen noch einmal heimlich an der Flasche gehorcht, ich schwöre, er hat grumpfelnd vor sich hingebrabbelt…

…und trotzdem, trotz Kindsmord, Haltlosigkeit, Mangel an Geduld und Gelassenheit, jeder Wein ist immer nur eine Momentaufnahme. Selbst wenn man die für mich so wichtige Umgebung, die Atmosphäre, die Stimmung ceteris paribus setzt, selbst dann ist jede Flasche ein Unikat. Wie er sich mit der Zeit, durch Lagerung oder Transportbedingungen verändert, ist immer nur eine Vermutung. Chancenlos alle spannenden Weine in jeder Phase ihrer Entwicklung zu verkosten.

Dies verinnerlichend plädiere ich dann doch auf Freispruch – lecker war´s allemal!

 

Bandol 2012 von Tardieu-Laurent, um die € 29,00

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