Von den Dingen und ihren Namen

Cuvée Marianna, Extra Brut „Vino Spumante di qualità” vom Sektgut Arunda, Südtirol

Ein Champagner ist ein Champagner, ist ein Champagner und darf nur aus der Champagne stammen!

Soweit ist das klar, die Winzer in der Champagne freuen sich und der Rest in Frankreich und der ganzen großen weiten Welt guckt doof aus der Wäsche.

Es gibt wohl kaum ein anderes Wort, das so treffend mit bestimmten Assoziationen verbunden ist, wie „Champagner“. Dieses Wort steht für das Besondere, für festliche Anlässe, für überschwängliche Freude, für Feiern, für Siege, für intimste, sinnliche Momente, für Reichtum, für „wir haben es geschafft“, für Hochzeit, für Jahrestag und den Gewinn jeglicher Meisterschaft, für so richtig auf den Putz hauen und den Glamour der großen weiten Welt.

Natürlich steht Champagner auch für „teuer“, – watt nix is kost auch nix, – wissen wir ja alle.

Eine der genialsten Marketing-Kampagnen, die es überhaupt gibt! Hat das Image, das dem Champagner anhängt, es doch geschafft, dass billigst produzierte Massenware zu völlig überhöhten Preisen weltweit verkauft wird und dazu auch noch den Konsumenten in seliges Glück wiegt. (Gratulation und jetzt ducken wegen der Shitstormgefahr, so was sagt man nämlich nicht!)

Ein extrem gutes Beispiel für menschliche Wahrnehmung!

Das Bewusstsein, Champagner zu schlürfen, führt schneller und ausgeprägter zu einem subjektiv erfreulichen Geschmackserlebnis, als das bei einem vergleichbaren Sekt der Fall wäre. Irgendwo sind wir ja doch Etikettentrinker.

Ich finde das grundsätzlich auch gar nicht schlimm, kommt es mir letztendlich doch genau auf das subjektive Geschmackserlebnis an. Ob das nun völlig und allein von dem Getränk herrührt, oder auch getragen wird von der Umgebung, dem Namen, der Situation, den Menschen mit denen man trinkt, oder dem begleitenden Essen, ist eigentlich schnuppe.

…..aber, beim Champagner ist das schon extrem, daher darf man hier auch mal ein bisschen Schimpfen!

Der Champagnermarkt ist fest in den Händen einiger weniger großer Häuser und die dazugehörigen Besitzerstrukturen sind noch überschaubarer. Nochmals, Champagner bedeutet an erster Stelle Massenproduktion. Jährlich werden an die 400 Millionen Flaschen produziert, davon alleine rund 65 Millionen vom größten Produzenten, dem LVMH-Konzern mit den zugehörigen Marken Moët & Chandon, Veuve Clicquot, Krug, Ruinart und Mercier. Da ist nicht viel Platz für Winzeridylle und Individualität und leider schmeckt man das auch meistens.

Das trifft natürlich nicht auf alle Champagner zu. Es gibt (wieder zunehmend) rühmlich Ausnahmen, köstlichste Elixiere von kleinen Betrieben, die Ihre Champagner auch selbst vermarkten, deren oberste Priorität ein gutes, individuelles Produkt ist und eben keines, dass immer und über alle Jahrgänge gleich schmecken muss. Und, zugegeben, auch unter den Gleichschmeckern mag es schon einige geben, die eben zwar immer gleich, aber doch gut schmecken. Ist eben nicht alles schwarz-weiß.

Trotzdem bleibt das Thema Name. Alle anderen Namen für ähnlich produzierte und qualitativ gleichwertige, wenn nicht sogar höherwertige Produkte, sind Äonen von dem Entfernt, was das Wort Champagner ausmacht.

„Sekt“, selbst das Wort „Winzersekt“ ist schwach, zu kurz, zu hart, klingt nicht, ist langweilig. Obwohl – da gibt es ja schon ein Klientel, die das Wort geschmeidiger und weicher daherkommen lässt: „Na, darf es noch ein Sektchen sein?“ (Gesteigert: „Na, Liebchen, darf es noch ein Sektchen sein?“) Jeder hat ein Bild vor Augen von der…..Dame (oder dem damenhaften Kerl) die das fragt. Diese Bilder mögen in Nuancen unterschiedlich ausfallen, allen gemeinsam ist der streng abgespreizte kleine Finger.

Dumm ist nur, dass dieses Wort „Sekt“ eben in der deutschen Sprache einfach so ist. Erlaubt und präziser ist natürlich „Sekt in klassischer Flaschengärung“. Besonders gut kommt das, wenn der Abend mit dieser unglaublich attraktiven, extrem gut gebauten, sinnlichen und offenbar zu Ihnen hingerissen viel zu jungen Dame (deren innere Werte wir hier voraussetzen) sich mit den Worten entwickeln soll: „Darf ich Sie noch auf ein Glas Sekt in klassischer Flaschengärung einladen?“

Das ist so übel, dass es vielleicht schon wieder gut ist. Schlimmer geht das noch mit der sonst in solchen Situationen vielleicht förderlichen italienischen Masche:

„Jetzt noch einen Vino Spumante?“ Irgendwie klingt das nach Kopfschmerzen, da hilft auch der Zusatz di qualità nichts, da denkt man vielleicht an besonders hochwertige Kopfschmerzen, auf jeden Fall aber an viel Zucker im Prickelwasser.

„Cava“, das wäre die spanische Variante, die hört sich zwar deutlich besser an als „Sekt“, ist aber in der Breite so eng mit „Freixenet“ und den „Momenten der Leidenschaft“ verbunden, dass das, der Kalauer sei erlaubt, eher Leiden schafft…..

Crémant!

Crémant geht!

Das ist, was die Gestaltung des Namens angeht, vielleicht noch die beste Alternative zu „Champagner“. Klingt gut, ist eigenständig (wenn man von einer gewissen Schokolade aus der Schweiz, die auch Crémant heißt, einmal absieht, was aber so wirklich keinen interessiert) und dem Namen schwingt zumindest ein gewisses Maß an „edel“, „sinnlich“, „überraschend“ und „aufregend“ mit. Reicht nicht an Champagner heran, aber ist besser als alle anderen Namen.

Dass dieses Heranreichen in Extremsituation nicht ausreicht, musste ich vor Jahren schmerzhaft erfahren. Ich wagte damals einen Ausflug in die Welt der reichen und schönen. Monaco, Monte Carlo, gemeinsam mit meiner heutigen Frau entstieg ich der Tiefgarage unter dem Place de Casino und vor uns erstreckten sich gemauerte Traumbilder im abendlichen Glanz. Links das Café de Paris, rechts das Hotel de Paris und direkt vor uns das Spielcasino von Monte Carlo. Uns gehörte die Welt. Ein leichter Wind brachte den warmen Duft des Meeres heran, wehte meinen offenen Trenchcoat sehr klassisch und doch dynamisch um meine seinerzeit noch extrem sportliche Silhouette und durchfuhr das Haar meiner Frau in einer Weise, dass 3 Wetter Taft damit in Folge eine unglaubliche Werbekampagne aufgezogen hat (dafür haben wir übrigens nie auch nur einen Cent gesehen…). An diesem Abend konnten wir nur gewinnen. Das geschah tatsächlich und zwar am Roulette-Tisch und drückte sich in einem für uns damals nicht unerheblichen Franc-Betrag aus. Das galt es natürlich zu feiern und ich führte meine Frau in die Bar des Casinos und bestellte in bestem deutsch-französich: „Deux verres de Sekt, s`il vous plaît.“

In der Bar des Casinos von Monte Carlo trifft sich die ganze Welt, internationaler geht es nicht, Amerikaner, Japaner, Chinesen, Araber, Deutsche, Franzosen, Spanier, einfach alle kommen hierher. Klar, dass der erfahrende Barkeeper nicht alle internationalen Worte für prickelndes Siegeswasser kennt, das wäre ja schließlich nur seine wesentlichste Qualifikation. Also schaut er mich völlig verständnislos an und macht mir gestenreich klar, dass er dieses Wort noch nie im Leben gehört hat. Außerdem kann er sich einfach nicht vorstellen, was ich von ihm möchte.

Noch im Taumel des Roulette-Gewinns erkenne ich nicht gleich, in welchem (Glücks-) Spiel ich mich nun befinde und erinnere mich nur längst vergraben geglaubter Vokabel. „Oh, pardon, j`aimerais bien deux verres de vin mousseux.“

Diesmal ist das Unverständnis des muttersprachlich französischen Barkeepers schon deutlicher an seiner Körpersprache abzulesen, die nun auch einen gewissen Unmut ausdrückt. „Je comprends pas!“ Also, ganz klar, hier läuft etwas im Drehbuch schief und eigentlich sollte die Regie jetzt eingreifen. Hilflos lächelnd schaue ich meine damals noch nicht Frau an (das läuft gerade blöd, weil ich schon noch in der „ich-will-Dich-unbedingt-beeindrucken-Phase bin), die mir zum Glück verständnisvoll das Wort „Crémant“ zuflüstert. Ah, ja, natürlich: „Ähm, Oui, donc, deux verres de Crémant, s´il vous plaît.“ Kein Lächeln, keine Antwort, nur ein unwilliges kurzes Kopfschütteln. Moment, Italien ist nicht weit: „Vino Spumante?, Prosecco?“ Nichts. „Cava?“ Der Barkeeper fixiert genervt die nächsten Gäste. Also gut: „Champagner!“

Der Barkeeper schaut auf, lächelt, die Welt beginnt sich wieder zu drehen, alles ist wieder geordnet, gut, so wie es sein soll, die übrigen Gäste setzen ihre Gespräche wieder fort und hören auf uns irritiert anzustarren.

Wir haben in der Bar des Casinos von Monte Carlo gesessen und Champagner getrunken!

Der Satz steht und geht auch nie wieder weg. Dass diese beiden Gläser unseren kompletten Roulette-Gewinn aufgezehrt haben, ist heute nur noch eine Randbemerkung wert.

Im Fazit bedeutet das also schwarzen Anzug anziehen und trauernde Haltung einnehmen: Ihr armen Winzer, die Ihr edle Blubberbläschen aus Euren Weinen emporsteigen lassen wollt, werdet den Image-Vorsprung des Champagners wohl nie egalisieren. Das ist Kämpfen auf längst verlorenem Terrain. Also, nehmen wir den Hut demütig in die Hand, verneigen uns vor dem -enormen- Preisvorteil den ein Champagner durch sein Image gegenüber allem anderen Geprickels erzielt, folgen rudimentärer Betriebswirtschaft und halten uns aus diesem Marktsegment raus.

Das wäre vernünftig.

Zum Glück sind Winzer in den wenigsten Fällen vollkommen vernünftig und einige neigen hin und wieder zu völlig irrationalem Verhalten. Und genau diesen Menschen verdanken wir die größten Schätze der Wein-Welt.

Das sind die Individualisten, denen das Image des Champagner völlig egal ist, die sich ausschließlich über die Qualität ihrer eigenen Produkte definieren wollen und sich so ihren eigenen Markt aufbauen. Das dauert, ist beschwerlich, teuer und der Erfolg ist lange nicht wirklich sicher. Also keine wirklich vernunftbegründete Strategie, hier fließt Herzblut, strömt Begeisterung und der unbedingte Wille etwas Großes zu schaffen. Die Produkte dieser Winzer sind nicht für die große Masse gemacht.

Man muss sie kennen, bevor man sie schätzen lernt und das ist der große Unterschied zum landläufigen Umgang mit Champagner.

Also, etwas für Kenner, für Ausprobierer, für Insider, für Entdecker….und das ist so schön!

Setzt mir drei Champagner vor, dazu einen Ultra von Barth aus dem Rheingau und einen Blanc de Noir von Gilg aus dem Elsass, ich könnte mich zwischen Gilg und Barth nicht entscheiden…..

Ein hervorragendes Beispiel für diese oft unbekannten Wunderwerker der klassischen Flaschengärung ist Sepp Reiterer von der Südtiroler Sektkellerei Arunda. Seit 1979 produziert er auf 1200 Meter Hohe (!!) edelste Schaumikonen. Reiterer ist ein qualitätsbesessener Pragmatiker. Er hat (jetzt wird es platonisch) eine Idee vom idealen Schaumwein und folgt dieser Linie konsequent. Hier ist ein Altmeister am Werk, der sich aber nicht auf seinen zu Recht erlangten Lorbeeren ausruht. Reiterer nimmt seit Jahrzehnten jede (Mode-)Entwicklung in der Welt der Champagner (und solche die es sein wollen) wahr, prüft, wägt ab, ob damit ein besseres Ergebnis erreicht werden kann und verwirft öfter als dass er zustimmt. Der Mann kann Sekt – Punkt und Ausrufezeichen.!

Die Weine kennen kein Chichi und schon lange keinen abgespreizten kleinen Finger, die sind einfach richtig, passend, überwältigend, nicht weniger.

Die Cuvée Marianna bringt alles ins Glas, was für mich einen großen Champagner ausmacht. Eine herrliche, lebendige, fast überströmend fröhliche Perlage, die alleine schon ein lustvolles Mundgefühl gibt. Das Bukett ist sehr komplex, reicht von etwas blumigem, über Honig, getrocknete Früchte, Schokolade (!), bis hin zu Ananas, reife Amalfi-Zitrone (hätte nie gedacht, dass ich das so einmal schmecken und dann auch noch schreibend zugeben würde), bis zu einer feinen Röstnote, hält ganz lange an und steht (das Bild passt wirklich) kerzengerade im Glas. Die Stabilität der Cuvée Marianna und die vielen Geschmacksnuancen, vor allem aber dieser durch die Röstaromen erfahrene Schliff macht Sie auch zu einem hervorragenden Speisebegleiter (würziger Fisch, helles Fleisch).

Aber eigentlich ist das alles Quatsch, eigentlich ist die Cuvée Marianna Frühling im Glas und zwar zu jeder Jahreszeit, Sonne, Freude, Fröhlichkeit, die Lust unbeobachtet Purzelbäume zu schlagen, zu kichern und zu glucksen, alles so pur, dass man es kaum aushält. Und das ganz pragmatisch, nicht mehr, nicht weniger, genau so. Das Prickeln der Champagnerperlen ist so lustvoll, und fröhlich und strömt schier über, dass man laut loslachen möchte, jeder Schluck ein Fest. Ein warmer Frühlingswind, der die frischen Blüten eines Kirschbaums umherwirbelt mit denen ich tanze.

Sepp Reiterer würde vielleicht sagen: „Ja, genau so muss er sein…!“

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