Ich mag die Weine von Dominic Stern,
Die Spätburgunder sind genial.
Wenn ich jemandem von einem der roten ***Cuvées etwas abgebe, dann ist das eine der tiefsten Freundschaftsbekundungen derer ich fähig bin.
Für die Rieslinge würde ich Verbrechen begehen und jeden Tropfen seines Grüner Silvaner Réserve vom Boden auflecken – egal wie dieser Boden aussieht.
Der Sauvignon Blanc Fumé hat einmal zu einem Eklat in einem Restaurant geführt: Ich war nur kurz auf Toilette, da nutzt das in mafiösen Strukturen organisierte Personal die Gunst der Stunde und entfernt widerrechtlich mein Glas vom Tisch.
Auch wenn alle Anwesenden, meine Familie eingeschlossen -fälschlich aber nachhaltig (was auf Komplizenschaft schließen lässt) und noch immer- behaupten, es sei leer gewesen, stimmte das einfach nicht! Da wäre noch was gegangen und außerdem hätte ich, selbst wenn es leer gewesen wäre (was es nicht war!), noch wesentliche olfaktorische Freuden durch die letzten dem Glas noch anhaftenden Moleküle genießen können.
Im Nachhinein ist mir natürlich klar, dass alles Diskutieren in dieser Situation nichts mehr Helfen konnte, das Glas war weg (aus meiner Sicht noch mindestens halb voll) und von allen Herbeigerufenen (vom Hilfskellner bis zum Sommelier, zum Restaurantleiter, ja letztlich bis zum Inhaber, der sogar den Helfer aus der Spülküche herbeizitierte) erntete ich nur diese wissend-bedauernde, nonchallente Theaterkultur der gehobenen Gastronomie, die ich sonst so sehr schätze.
Natürlich war es die letzte Flasche und natürlich würde man mir gerne ein Glas eines anderen, vergleichbaren Weins kredenzen (vergleichbar (!) – so drehte sich der Dolch genüsslich in meiner Wunde) und natürlich war man untröstlich und natürlich gab ich irgendwann auf, zumal meine Schienbeine unter dem Tisch schon blau getreten worden waren.
Allerdings schrecke ich manchmal nachts immer noch schweißgebadet auf und muss dann gegen die Nachwirkungen dieses Alptraums ankämpfen, in dem sie alle – der Koch, der Restaurantleiter, der Inhaber und auch der Spüler in der Küche um mein Glas herumstehen, dass sich in einem Anfall von Gigantomanie zu einem Riesengefäß gewandelt hat, mit einer Inhaltsmenge, die sonst eine große Badewanne füllen könnte. Mit großen Bierhumpen stoßen sie immer wieder hinein und schütten sich den Sauvignon Blanc in bacchantischer Manier in ihre Kehlen. Sie verwandeln sich – mal in lüsterne Satyre, mal in eine Mischung aus Jabba the Hut und einer Putte und immer wieder prosten sie mir zu, während ich von einer ganzen Brigade Hilfskellnern mit langen Piken und Hellebarden daran gehindert werde in die Küche einzudringen…
Ja, ja, liebe Kinder, da seht ihr, was der Alkohol aus einem machen kann.
Gut so…., wo war ich stehen geblieben?
Ach ja, einer fehlt noch in der Aufzählung von Sterns ***-Weinen und zwar der Chardonnay -Barrique- trocken ***.
Den aus dem Jahrgang 2016 hatte ich gestern und heute war ich im Baumarkt und werde nun einen kleinen Hausaltar errichten.
Ganz zentral, als Mittelpunkt werde ich die leere Flasche installieren, von hinten erleuchtet, damit der Nimbus sichtbar wird, als äußeres Zeichen der abgeschlossenen Apotheose. Davor dachte ich an einen festen Platz für die Opfergaben: Vanille, Ananas, Bananen, Melonen, gebrannte Mandeln, Butter auf leicht geröstetem Brot, Nougat (nicht die Schokolade, sondern den aus Montélimar), ein paar Feldblumen, etwas Lavendelhonig, ein paar kalte Bachkieselsteine und eine gebundene Ausgabe der Ulysses von James Joyce. Letztere nicht aus Geschmacksgründen, oder weil ich den Roman zusammen mit dem Chardonnay endlich verstehen würde, nein, aber es ist der erste Wein, der ein Lesen in der Ulysses erträglich macht, nach drei Gläsern, nein, nach vier und: es tut ihm (dem Wein!) keinen Abbruch…
Ist dieser Chardonnay damit ein intellektueller Wein? – Weiß nisch…, ist auch egal, auf jeden Fall hat er so viele Eigenschaften, die ich an einem Wein schätze, dass er, hätte ich eine Liste von Lieblingsweine, dort sehr weit oben erscheinen würde.
Vom ersten Riechen bis zum langen Nachhall hält er eine nuancenreiche Spannung, die es unmöglich macht, ihn einfach nebenher zu genießen, er gehört schon in den Mittelpunkt und ist definitiv kein abendlicher Plauder- oder Fernsehwein. Zu einem guten (!) Buch kann ich mir ihn vorstellen, das könnte ein intensives gemeinsames Erlebnis werden und im Geiste sehe ich mich schon zu der leeren Flasche sagen: „War´s für Dich auch schön?“
Passt sicher hervorragend zu Jakobsmuscheln mit Steinpilzrisotto oder einem Seeteufel mit Safran-Sahne-Sauce, aber am liebsten trinke ich ihn solo. Er ist sehr seidig und elegant und hat genau das richtige Maß an Cremigkeit, so dass er auch eine einnehmende Breite entwickelt.
Dem steht eine sich entwickelnde feine Fruchtigkeit entgegen, was in Kombination und mit der auch vorhandenen Mineralik zu einem bedauerlichen (!) Trinkdruck führt. Kraft hat er, ohne Frage, aber die wird von dieser seidigen, den Gaumen umgarnenden Schlonzigkeit so wohl portioniert, dass es einfach….richtig ist. Großes Orchester mit vielen Facetten, meisterlich zusammengefügt, nicht Wagner, sondern Ravel.
