Per asper ad astra
(per cortex fragosus ad ribes nigrum)
Fieser Februar in Deutschland, dunkel, kalt, nass, nicht mal Schnee, alles nur grau in grau. Da tut sich die Möglichkeit auf – wenn auch nur für 2 Tage – meinen in Spanien lebenden Vater zu besuchen. Vater freut sich, ich freue mich, dazu ein bisschen Sonne tanken, den lokalen Weinhändler meines Vertrauens besuchen – alles prima.
Flughafen Alicante, 13.00 Uhr, die Frisur hält …leider nicht, es stürmt, der Himmel ist genauso grau wie in Deutschland, kalt ist es auch und Schnee…könnte noch kommen.
Aussicht auf Besserung: Keine.
Hilft nur der Gang zur Bodega. Nach kurzer innerer Prüfung fasse ich in meinem besten Spanisch meine Wünsche zusammen.
Diesem Ekelwetter muss man etwas Hartes entgegensetzen, wärmen soll es und rot muss es sein – natürlich! Dazu will ich Tannine und zwar kräftige, auf keinen Fall Merlot, ich will Wuchtbrummentempranillo und Holzfass und Alkohol, ja genau.
Das wird ein Männerabend, kein leichtes, weiches, vielschichtiges eititeischuhschuh Kuchelweinchen mit abgespreiztem Finger und einem Hauch von Schwarzteearomen und Schmelzwasser im Abgang.
Das miese Wetter hat auch etwas Gutes.
Leider bestehen allerdings – möglicherweise – unterschiedliche Wahrnehmungen in Bezug auf die Güte meiner Sprachkenntnisse. Im Allgemeinen sowieso, aber eben auch ganz speziell zwischen mir und der netten spanischen Weinhändlerin. Siegessicher nehme ich die mir mit einem nicht nachvollziehbaren Wortschwall, aber dafür umso verständlicheren charmanten Lächeln überreichte Flasche entgegen. Offenbar sind meine Prioritäten trotz regelmäßigen Weinkonsums noch nicht völlig durcheinandergeraten und ich kontrolliere lieber noch einmal den tiefschwarzen Augenaufschlag und diese faszinierenden Grübchen, als den Wein, den ich gerade bezahle.
Später, etwas unbeeinflusster, wundere ich mich dann doch, dass auf der Vorderseite des Etiketts (was ja eigentlich meistens die Rückseite ist, ein lustiger Winzertrick gegen die europäische Gleichmacherei und super Klugscheißerwissen, dazu aber an anderer Stelle mehr), gut sichtbar, die 4 Rebsorten aufgeführt sind, aus denen mein Kumpel für den heutigen Abend besteht: MERLOT, Petit Verdot, Cabernet Sauvignon und Monastrell.
Na, das hat ja prima geklappt. Merlot und dafür kein Tempranillo.
So schön waren die Augen der Weinhändlerin im Nachhinein vielleicht nun auch wieder nicht.
Was soll`s, jetzt ist er einmal da, dann kann ich ihn auch probieren.
Denkste! (Lustig, dass das wirklich ein Wort ist, steht sogar im Duden) – weniger lustig ist, dass der Korken sich trotz Einsatz meines Lieblings-2-Euro-Kellnermessers in Bestandteile auflöst, die noch nie zuvor ein Mensch gesehen hat.
Das gehört echt zu den Dingen, die keiner braucht, auch mit mehr oder weniger geschicktem Abschütten ist da nichts zu machen, die Brösel sind überall, auf dem Küchenboden, der Theke, aber eben auch in Glas und Flasche, draußen regnet es und eigentlich war die Weinhändlerin hässlich.
Aber, ich habe Ehrgeiz und viele Möglichkeiten, den Abend noch irgendwie erträglich zu gestalten, bleiben mir nicht. Ein Sieb muss her und eine Karaffe. Was ich dann nach langem, zunehmend verzweifeltem Suchen tief verbogen in der hintersten Reihe der Asservatenkammer meines 80-jährigen Vaters finde, ist so retro, dass es schon wieder irgendwie cool ist.
Das Sieb hat wahrscheinlich alle Schlachtfelder diese Welt gesehen und die Karaffe gilt als heiße Spur zur Auffindung des Bernsteinzimmers. Trotzdem bin ich glücklich und dankbar diese Dinge gefunden zu haben. Auch wenn es nicht direkt danach aussieht, ist so ein einigermaßen zivilisiertes Trinken möglich.
Was sich dann ergibt ist zwar nicht dass, was ich ursprünglich wollte, aber trotzdem richtig schön, entschädigt für den dumpfen Tag und lässt die Weinhändlerin auch wieder etwas besser wegkommen.
Nach zunächst sehr verschlossener Nase explodiert am Gaumen ein ganzer Busch schwarzer Johannisbeeren.
Zunächst etwas likörig und extrem konzentriert erinnert die Serrata an diese schwarzen Campinos ohne allerdings so zu kleben. Das anfänglich Likörhafte löst sich schnell auf und es bleibt pure schwarze Johannisbeere, die extrem lange anhält, dazu Röstaromen, Kakao und Gewürze. Schöne Tannine, die ganz weich eingebunden sind und mit der enormen Frucht den Alkohol überspielen. Ganz Dicht! Der Frucht steht eine stabile Säure gegenüber. Die Serrata ist voll, ohne fett zu sein, schlonzt sich um die Zunge wie eine lockende Schlange. Nicht ungefährlich.
18 Monate in neuen französischen Barrique gereift, danach noch einmal 12 Monate Flaschenlagerung, bevor es in den Verkauf geht.
Wirklich großes Suchtpotential.