Die sanften Hügel der Toskana im beginnenden Frühling !
Noch ist es frisch, die Nächte sogar kalt, erst spät am Morgen schieben sich vorsichtige Sonnenstrahlen durch den dichten Nebel, bescheinen hier einen Kirchturm, dort eine Reihe Zypressen und zum Glück auch das eine oder andere Weingut mit herrschaftlichem Anwesen.
Noch ahnt man nur die Kraft, die in dieser Landschaft steckt, noch sind die klaren, ästhetischen Linien verschwommen, die Stimmung wechselt ständig zwischen frohem, den Winter zurücklassenden Aufbruch und einer mystischen Unsicherheit über das was kommen mag.
Es ist ruhig, noch fehlen die Heerscharen von Oberstudienräten und auch die Teilzeit-68er, die Urlaubsaussteiger und die eigentlich-sind-wir-doch-ganz-anders Manager und Zahnärzte sind noch nicht aufgetaucht.
Auch die Einheimischen halten sich noch eher in Ihren Häusern auf. Es ist die Zeit dazwischen, die Toskana erwacht, aber zunächst reckt und streckt sie sich, bevor sie sich dann in wenigen Wochen erheben wird.
Trotzdem, irgendwo ist schon Leben und wir sind ja schließlich auch da und sind, wie stets, auf der Suche nach einem noch unbekannten Weingut, nach einer kleinen Probe, oder wenigstens ein paar Flaschen zur Erinnerung an diesen Urlaub. Allerdings kommt nicht nur die Toskana noch nicht richtig auf Touren, auch die Weingüter geben sich noch verschlafen und sind nicht wirklich auf Touristen eingestellt.
Endlich sehen wir ein fast unmerkliches Schild, das uns mit der Aufschrift Vino e Olio die richtige Richtung über eine mit weißen Kieselsteinen bedeckte und von Zypressen gesäumte Straße weist.
Jetzt wird’s kitschig-schön und wie im Katalog bestellt, einmal Toskana-Träume pur.
Am Ende entpuppt sich die Straße als Zufahrt zu einem kleinen Weingut und mündet direkt in den Hof des Winzers. Dort spielt, unter schattenspendenden Platanen, der etwa 7-jährige Sohn der Winzerfamilie und kommt direkt und ohne Scheu zu unserem Auto gelaufen. Er ist verschwitzt, vom Spielen sind die Hände dreckig und die Rotznase in seinem Gesicht ist die Urmutter aller bekannten Rotznasen. So muss es sein. Seine Augen blitzen intelligent und neugierig. Offenbar ein zufriedener, wohlgelungener und in perfekter Umgebung aufwachsender, richtiger Junge.
Leider ist die Kommunikation etwas schwierig, da ich seinem begrüßenden Wortschwall aufgrund mangelnder Bildung leider nur eines der beiden Worte meines italienischen Sprachschatzes entgegen kann: Vino ?
Aber der junge ist helle und kapiert sofort. Er dreht sich um, rennt auf ein Nebengebäude des Weinguts zu und ruft dabei aus Leibeskräften immer wieder: „Mama, Vino, Mama, Vino!“
Kittelbeschürzt kommt Mama aus dem Gebäude, trocknet Ihre Hände burschikos an einem Handtuch ab und verkauft uns verwundert ob des Zusammentreffens von Jahreszeit und Touristeneinfall all das, was ich italienisch beschreiben kann: Vino e Olio.
Das ist jetzt fast 20 Jahre her.
(Einschub: Vielleicht ist es müßig, darauf hinzuweisen, dass ich überzeugt bin, dass irgendein Pabst in der Zwischenzeit mal wieder die Zeitrechnung geändert hat, dass ein schwarzes Loch exakt über Greenwich aufgetaucht ist und locker 15 Jahre im Raum-Zeit-Kontinuum verschwunden sind, oder, dass ich mich in den letzten 5 Jahren mit annähernder Lichtgeschwindigkeit von der Erde weg bewegt habe, nun zurückkehre und entdecke, dass hier 20 Jahre vergangen sind. Müßig vielleicht, aber für mein geplagtes Ego unbedingt notwendig.)
Selbstverständlich erinnere ich mich nicht mehr genau an den -sehr einfachen- Wein, den uns Mama damals verkauft hat (die Flaschen trugen kein Etikett, enthielten dafür umso mehr Phantasie und in der Erinnerung romantische Verklärung). Ich weiß nur noch, dass er jung getrunken werden musste, dass ich ihn göttlich fand und, dass er für mich die ganze Toskana auf den Punkt und ins Glas gebracht hat.
Natürlich kann da kein Wein der Gegenwart heranreichen und das ist auch gut so, aber mit dem Chianti Classico Riserva 2012, Villa Antinori, kommen wir ganz nah ran. Auf jeden Fall ist es diesem Wein gelungen eine schon längst verloren geglaubte Erinnerung wieder aufleben zu lassen und….das ist einfach schön und…. soll noch mal einer sagen, Wein wäre nicht gut fürs Gedächtnis, wohingegen…. manch einer mag vielleicht auch behaupten, ohne den vielen Wein könnte ich mich per se besser erinnern, aber…. Genug jetzt!
Für mich ein perfektes Beispiel eines typischen Weines einer bestimmten Region.
So und genau so muss ein Chianti Classico schmecken. Ist das jetzt die richtige Umsetzung des so in Mode befindlichen Terroirbegriffs? Keine Ahnung, wahrscheinlich geht er für mich sogar darüber hinaus. Hier geht es nun nicht nur um Boden und Ausbau und Winzer und Keller, sondern auch um Erlebnisse, Erfahrungen und Erinnerungen und trifft damit ganz nah ans Schwarze.
Die altehrwürdige Winzerfamilie Antinori ließ mit dem Jahrgang 2010 eine Tradition wieder aufleben. Von 1928 bis 2000 wurde der Villa Antinori Chianti Classico Riserva als Musterchianti vinifiziert. Ähnlich den Charta-Weinen im Rheingau sollte dieser Chianti die Verkörperung des typischen regional-geprägten Weins sein und damit das Terroir (sic!) und die Möglichkeiten der Traube und der spezifischen Umgebung prägnant wiedergeben. Dann pausierte man 10 Jahre, eine Künstlerpause, die manchmal Not tut. Das Ergebnis beim 2012er ist auf jeden Fall schmeckenswert. In der Nase intensive Früchte, Kirsche, Pflaume und Himbeere, dazu etwas erdiges, Leder, Rauch und leichte Pfefferaromen. Vollmundig am Gaumen mit einer frischen, gut eingearbeiteten Säure, die von einem weichen Tanningerüst gestützt wird. Dazu toastige Noten, vielleicht etwas Schokolade und ein toller, langer Nachhall. Manifestierte Träume der Toskana. Eingefangener Frühlingswind, gewärmt von ersten Sonnenstrahlen, Erinnerungen an vergangene Sommer, Hoffnung auf neues, sich entwickelndes Leben. Gott sei Dank kein Supertuscan, sondern ein ehrlicher, zum Träumen verführender, etwas melancholischer, immer ebenbürtiger Partner.
