Wenn Trauben eine Reise tun…. dann entstehen zumindest Geschichten.
Die berühmteste Geschichte ist wohl die des Spätlesereiters aus dem Rheingau.
Bis ins 18. Jahrhundert hinein war der Lesetermin häufig weniger vom Reifezustand der Trauben, als von den steuerlichen Interessen der Obrigkeit geprägt. Um die geerntete Traubenmenge als Basis zur Bestimmung des Zehnten besser kontrollieren zu können, waren die Grundherren darauf bedacht, die Weinlese in einem Rutsch, ohne Unterbrechung, durchführen zu lassen. Um keine Verluste durch faulendes Material zu erleiden orientierte sich der Lesebeginn an der am frühesten reifen Sorte (damals der ertragreiche Elbling). Alle anderen Rebsorten wurden gleich mitgeerntet und blieben damit natürlich häufig unter ihren Möglichkeiten. Das Ende der Lese war üblicherweise der 16. Oktober, der Gallustag („An Galles schaff` haam alles!“- schön, oder?).
Wie im heutigen Leben galt im späten Mittelalter aber auch nicht Gleiches für alle. Einerseits wollten die Herren möglichst viel Steuern eintreiben, andererseits wollte man aber – zumindest selbst – auch guten Wein trinken. Da Masse und Qualität eher selten miteinander einher gehen, behielt sich mancher Landbesitzer vor, den richtigen Lesezeitpunkt etwas individueller zu bestimmen. Leisten konnten sich diesen Luxus eher die kirchlichen Grundbesitzer, deren Weinberge in der Obhut der Klöster lagen. Sie waren nicht mit erdrückenden Abgaben belastet und zudem rechnete man in dieser Konstellation des christlichen Miteinanders nicht so sehr mit Beschiss durch die Weinbergsverwaltung.
Ein herausragendes Beispiel für die Entwicklung des Qualitätsweinbaus stellt das Kloster Johannisberg im Rheingau dar.
Dieses Kloster war 1716 in den Besitz der Fuldaer Benediktinerfürstabtei übergegangen. Die Fürstäbte, ab 1752 zugleich Fürstbischöfe von Fulda, erkannten das Potential des Rieslings in den Lagen des Rheingaus und trieben dessen Ausbau konsequent voran.
Zur Wahrung ihrer Interessen hatten sie auf Johannisberg einen Kellner eingesetzt, der der Wirtschaftsverwaltung des Klosters vorstand.
(Dringend notwendiger Klugscheißereinschub: Der Begriff „Kellner“ ist aus lat. cellararius, also „Kellermeister“, oder „Vorsteher der Vorratskammern“ entlehnt und entwickelte sich erst später zum Dienstleister in einer Gaststube. Ganz sicher war „Kellner“ aber nicht der Name des Abtes von Kloster Johannisberg, wie es auf manchen Internetseiten dargestellt wird, sondern ganz klar eine Berufsbezeichnung – Abschreiben tun wir ja alle irgendwie, aber doch bitte nicht minimalinvasiv….Andererseits hätten wir sonst auch weniger Spaß an so mancher Stilblüte. Man denke nur an die Beschreibung des Rieslings Eschendorfer Lump Beerenauslese im Katalog (auch online) eines der größten (und besten) deutschen Weinhandelshäuser, der wiederum eines der angesagtesten Genießermagazine zitiert: „Süßer Tannenhonig, Karamell, Nelke und Anus.“ (Danke an Axel für diesen Hinweis und die schönen Überlegungen zu diesem Thema – woher weiß der Tester wie das schmeckt ?….) Einschub Ende, zurück in den Rheingau).
Eine Aufgabe dieses Kellners bestand darin, sich alljährlich die Leseerlaubnis beim Fürstbischof in Fulda abzuholen. Dazu wurde ein – natürlich berittener – Bote mit einigen Trauben nach Fulda geschickt. Man kann sich gut vorstellen, dass dieser Bote den Weg nach Fulda in manchem Jahr mehrfach zurücklegte, abhängig von der Entscheidungsfreudigkeit des Fürstbischofs. Nun schreiben wir das Jahr 1775, der Bote, nennen wir ihn Karl (wie in der gleichnamigen Comic-Serie von Apitz&Kunkel), war schon ungewöhnlich lange unterwegs und im Kloster Johannisberg begann man sich Sorgen zu machen. Die Trauben waren reif und mussten dringend geerntet werden, aber von Karl fehlte jede Spur. Wie sollte man sich verhalten? Sollte man einfach mit der Ernte beginnen? Jeder weitere Tag des Abwartens konnte den Verlust wertvollen Leseguts bedeuten. Karl könnte etwas zugestoßen sein, vielleicht war er einfach nicht mehr in der Lage, die Freigabe zur Lese aus Fulda zu überbringen. Eigeninitiative wäre nun angesagt, zumal ein Mönch dem Cellararius schon aufgeregt von einigen am Stock faulenden Trauben berichtet hatte. Aber Eigeninitiative gehörte nicht zu den hervorragenden Eigenschaften in jenem Kloster. Zum Glück!
Karl kehrte mit 14 Tagen Verspätung aus Fulda zurück. Die Einen sagen, er hätte dem auf der Jagd befindlichen Bischof erst nachreiten müssen, die Anderen sagen, er sei auf dem Rückweg von einer Räuberbande aufgehalten worden.
Egal warum, nachdem Karl dann endlich mit großer Verspätung und der Erlaubnis zur Ernte im Gepäck aufgetaucht war, hatte der die Edelfäule erregende Pilz Botrytis cinerea schon ganze Arbeit geleistet. Mit dem damaligen Kenntnisstand hätte sich bei den Mönchen nun eigentlich ein starker Widerstand gegen die Verarbeitung dieser Trauben regen müssen, aber der Befehl aus Fulda lautete nun einmal „lesen“ und nicht „denken“ und dem zu folgen fanden die Mönche ganz in Ordnung.
Im nächsten Frühjahr war die Überraschung auf jeden Fall groß, denn der Wein, den es eigentlich gar nicht hätte geben dürfen, mundete hervorragend.
So soll also die erste Spätlese entstanden sein, ein Produkt, das den Weltruhm des Rheingau-Rieslings mit begründet hat. Die Geschichte vom Spätlesereiter, dem man übrigens folgerichtig im Vorhof von Schloss Johannisberg ein Denkmal gesetzt hat, war geboren.
Schöne Geschichte.
Mit Kritik an solchen Geschichten sollte man eigentlich zurückhaltend sein, schließlich sind es ja Geschichten und keine Tatsachenberichte. Glauben ist da mehr gefragt als Wissen und mit zuviel Nachdenken geht manche Geschichte schnell kaputt. Allerdings beschäftige ich mich sehr gerne umfassend mit der vitis vinifera und deren Varianten, so auch mit der kleinbeerigen, kernlosen, schwarzbraun bis schwarzblauen, getrockneten Variante aus Korinth und entlasse diese zugegebenermaßen gerne aus meinem Verdauungstrakt. Ein bisschen Spaß muss also doch sein:
Erstens: Eigentlich müsste wir doch vom Auslesereiter sprechen, denn das mit der Edelfäule ist doch wohl Beerenauslesen oder Trockenbeerenauslesen vorbehalten, oder irre ich mich da?
Zweitens: Dass der Reiter den Fürstbischof erst auf seiner Jagd suchen musste erscheint mir unwahrscheinlich, schließlich hatte er frische Trauben dabei und bis er die Jagdgesellschaft eingeholt hätte, wären die Trauben längst verfault gewesen. Das hätten ihm die Herren aber übel genommen und bestimmt neues Testmaterial verlangt. Außerdem, wer geht schon auf die Jagd, wenn man bald über den Wein des nächsten Jahres zu entscheiden hat, nachdem man jahrelang Zeit, Energie und ganz viel Kohle investiert hat? Ich glaube viel mehr, dass unser Karl, frohgemut auf dem Rückweg aus Fulda, erleichtert von den hohen Herren wieder glimpflich entlassen worden zu sein, durch den schönen Spessart ritt und plötzlich ein Wirtshaus entdeckte. Der Staub der Straße, die trockene Kehle eines Reiters – nur eine kleine Reiseunterbrechung, nichts Großes.
Das Wirtshaus im Spessart – die Variante des Hotel California im 18. Jahrhundert. Dort versackte Karl, aber richtig. Nach Tagen des glücklichen Deliriums musste er sich für das Kloster eine gute Geschichte überlegen und so und zwar genau so ist die Geschichte von den Spessarträubern entstanden! Ich weiß so etwas!
Drittens: Viel wahrscheinlicher ist leider, dass der damalige Kellner des Klosters ein gewiefter Schweinehund war, die Erträge des Klosters steigern und dazu einfach nur leckeren Wein trinken wollte. Die Sache mit der Edelfäule war nämlich schon länger bekannt, nicht nur im ungarischen Tokaj (dort seit 1650, nachdem der Verwalter auf der Burg von Tokaj die Lese wegen des bevorstehenden Angriffs der Türken verschoben haben und sich dann die Botrytis cinerea ausgebreitet haben soll), sondern ab Anfang des 18. Jahrhunderts auch im Rheingau. In Frankreich wurde die Edelfäule erstmals 1847 auf Château d`Yquem erwähnt. Der damalige Besitzer des Weingutes kam verspätet von einer Russlandreise zurück und fand von Botrytis befallene Trauben vor. Die trotzdem eingeleitete Ernte brachte den größten Jahrgang des 19. Jahrhunderts hervor.
Auch wenn die Geschichte von der Entdeckung edelsüßer Weine im Rheingau im Detail wahrscheinlich eine Mär ist, bleibt die Tatsache, dass die Entscheidung über den richtigen Lesezeitpunkt damals wie heute für das Wohl und Wehe des jeweiligen Weinguts immanent wichtig ist und daher häufig nur von der höchsten Ebene getroffen wird.
Ein bedauernswertes, aktuelles Beispiel ist das Château Bargylus aus Syrien. Mitten im Bürgerkriegsgebiet gelegen, versuchen hier die ursprünglich aus dem Libanon stammenden Brüder Karim und Sandro Saade die Weinproduktion trotz aller religiöser und politischer Widerstände aufrecht zu erhalten. Aus Furcht vor Anschlägen und Entführung haben sich die beiden Brüder seit fast 5 Jahren aber wieder in den nahen Libanon zurückgezogen. Von hier leiten sie das Weingut, dessen Produkte es in die weltweite Sternegastronomie geschafft haben, per Email und Handy. Rund 35 Arbeiter halten den Betrieb auf dem Weingut aufrecht und produzieren den momentan wohl gefährlichsten Wein der Welt. Eine Granate zerstörte unlängst rund 15 Chardonnay Rebstöcke und die Bürgerkriegskämpfe näherten sich bis auf wenige 100 Meter dem Weingut. Zum Glück ohne Verletzungen oder Schlimmerem bei den Mitarbeitern. Eben jene Mitarbeiter sind natürlich auf ihre Arbeit im Château Bargylus angewiesen. Sie werden in US-Dollar bezahlt, weil das syrische Pfund nicht mehr stabil genug ist. Aber jene Dollar muss man eben erst einmal verdienen.
Die Entscheidung zum richtigen Lesezeitraum wird im Château Bargylus im Prinzip genauso getroffen, wie im Kloster Johannisberg im 18. Jahrhundert. Ein Bote macht sich mit einigen Trauben auf den Weg über die Grenze in den Libanon zu den Brüdern Saade, die dann, wie die römischen Kaiser, den Daumen in die eine oder andere Richtung weisen. Allerdings geht es dem Gesandten aus Syrien leider oft ähnlich wie dem Spätlesereiter. Unter normalen Umständen kann der Weg zu den Brüdern Saade in 4 Stunden geschafft werden, aber was sind in einem Gebiet wie Syrien derzeit normale Umstände? Häufig ist die Grenze einfach dicht, oder die Reise ist schlichtweg zu gefährlich.
Natürlich hat meine Neugierde dazu geführt, dass ich nun 2 Flachen Domaine de Bargylus rouge 2009 (um die € 45,00) und 2 Flaschen blanc 2011 (um die € 34,00) mein Eigen nenne. Im Moment steht einem baldigen Öffnen der Flaschen, aber noch ein gehöriger Respekt vor der Geschichte dieser Weine gegenüber, der mich zögern lässt. Sobald ich diese Hürde genommen habe, werde ich auf jeden Fall berichten.
Würde mich über Hinweise zu ähnlichen Traubenreisen freuen….
