Château Musar Red 1998

Musar red 1998Ich hüpfe gerade völlig euphorisch um den Esstisch, lache, tanze, jubele – ja, ich bin verrückt geworden, aber das weiß ich und das ist auch schon länger so -,  der Rest der Familie (eine Frau, zwei aduleszierende Fremde, die offenbar rein zufällig eine ca. 50 prozentige genetische Übereinstimmung mit mir haben und zwei notorisch, majestätisch desinteressierte Katzen, die eigentlichen Herrscher über dieses Haus, die uns aber dankenswerterweise huldvoll ertragen) schaut mitleidig wissend auf, lächelt beruhigend (das wird schon wieder) und findet dann wieder zurück in die optimale Sichtachse zur Flachbildszenerie.

Die (Wein-) Welt ist toll und wer sich neugierig darin bewegt stößt immer wieder auf wunderbare Entdeckungen.

Im Falle des Château Musar gelangt jemand, der sich gerne spontan begeistern lässt aber ganz schnell an die Grenzen seiner Aufnahmekapazität und dann hilft halt nur etwas mehr oder weniger koordinierte Bewegung.

Mit diesem Wein und seiner Herkunft scheint sich so ziemlich alles zu verflechten, was unsere Kultur in Mitteleuropa ausmacht (oh-ha, große Worte).

Im Glas tanzen wunderbare Reflexe auf einer schwarz-roten Oberfläche unter dem Dach einer fast mystischen Dufthaube. Geschichte und Geschichten verweben sich zu einem untrennbaren Band. Ehrfürchtig schließe ich die Augen und vermeine mich an den Wurzeln der Weltesche Yggdrasil wiederzufinden und einen winzigen Blick auf Mimirs Brunnen werfen zu können.

Wo beginnen?

1930 gründete der damals erst 20 jährige Gaston Hochar das heute wohl berühmteste Weingut des Libanon in einem Schloss aus dem 18. Jahrhundert. Die Zeit war günstig, denn der Libanon stand noch unter französischem Protektorat und die anwesenden Militärs, insbesondere die Offiziere, sprachen dem Wein gerne zu. Gaston stammt aus einer Familie, deren Wurzeln in Frankreich liegen und die mit den Kreuzrittern (1. Historienflash) im 12. Jahrhundert aus der Picardie kamen. Die Reben des Weinguts für den Chateau Musar red (Cabernet Sauvignon, Cinsault und Carignan) stehen im Bekaa Valey, auf rund 1000 m Höhe, wo große Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht, viele Sonnenstunden, aber auch Schneefall eine lange Vegetationsperiode fördern. Der legendäre und nur in kleinen Mengen produzierte Weißwein des Châteus besteht aus den autochthonen Rebsorten Obaideh und Merwah und wächst in Höhen bis zu 1500 m (ich durfte einen 1999er trinken – ja, trinken, nicht nur verkosten – und es war wie der Tango mit Al Pacino im „Duft der Frauen“, dazu aber bestimmt einmal an anderer Stelle mehr).

Der gesamte An- und Ausbau ist von einer tiefen, natürlichen Philosophie geprägt, völlig biologisch, keine Spritzungen, nur Spontanvergärung, keine Filtration, kaum Schwefel. Die Ernte wird ausschließlich von Hand vorgenommen – und zwar in der Kühle des frühen Morgens von …..Beduinen (1. Mysterienflash).

Aber die Geschichte geht natürlich noch viel weiter zurück. Schon vor über 6000 Jahren wurde im heutigen Libanon Wein angebaut und gehandelt (z.B. durch die Phönizier, die etwa 4500 vor Christus ihren Wein im gesamten Mittelmeerraum vertrieben haben, 2. Historienflash).

Im nördlichen Teil des Bekaa Valeys gibt es die Stadt Baalbek, deren Namen zurückgeht auf den phönizischen Fruchtbarkeitsgott Baal, der uns ja auch des Öfteren im Alten Testament begegnet. Der heutige Libanon gehörte historisch zum Lande Kanaan, dem verheißenen Land, in das Moses die Israeliten aus Ägypten geführt haben soll (2. Mysterienflash). „Verheißen“ oder „gelobt“ unter anderem auch wegen der großartigen Weinanbaumöglichkeiten, die ein wichtiger Wirtschaftsfaktor waren, wenn man einmal von niederer Genusssucht absieht.

Aus Kanaan soll der Weinbau überhaupt erst nach Ägypten gelangt sein.

Ab 333 v. Chr, eroberte dann Alexander der Große Kleinasien und so gelangte auch Kanaan unter seine Herrschaft, griechische Kultur machte sich breit (3. Historienflash).

65 v.Chr. kamen dann die Römer und erbauten ebenfalls im Bekaa-Valey Tempel, die sie dem Gott Bacchus widmeten und die z.T. heute noch hervorragend erhalten sind (4. Historienflash).

Dem Ganzen setzt natürlich die Hochzeit zu Kanaan die Krone auf, bei der Jesus dem knauserigen Bräutigam mit der bewundernswerten Eigenschaft Wasser in Wein zu verwandeln aus einer peinlichen Patsche half (3. Mysterienflash).

Wenn das nicht reicht um einen hervorragenden Wein zu machen, dann weiß ich auch nicht weiter…

Hier ist wirklich alles versammelt was schließlich zu dem führt, was gemeinhin europäische Kultur genannt wird: Phönizien, Ägypten, Griechenland, Rom, Judentum, Christentum, Kreuzfahrergeschichte, das Aufeinandertreffen von Orient und Okzident…..und das alles ist auch irgendwie in diesem Wein versammelt, denn hier handelt es sich natürlich auch um die Bereiter unserer europäischen Weinkultur – in Geschichte und Mysthik.

Leute, ich bin völlig aus dem Häusschen, das ist da wirklich drinn, alles, versammelt, konzentriert. Ich sitze hier, vor meinem sich wie durch Wunderhand leerendem Glas und die laufen hier alle vorbei. Moses mit einem schweren Wanderstab in der Hand, gefolgt von einem wütenden Pharao, ein Heer von römischen Soldaten deren hochgereckte Pila im Sonnenlicht glitzern, Alexander der Große auf einem feurigen Rappen, verstaubte und erschöpfte Kreuzritter, deren Brust von roten Tatzenkreuzen geschmückt ist, dazu ein Hauch von Zedernholz und Musik, die aus einem weit entfernten Beduinenlager zu mir getragen wird. Außerdem fliegen hier überall Teppiche rum.

Jetzt reichts aber!

In der Nase intensiv und vielschichtig, Pfeffer, schwarzer Pfeffer und die ätherischen Noten von Langpfeffer, leichte Röstaromen und Orangenschale. Am Gaumen unerwartet viel Frische, dazu cremige und auch süßliche Noten, wie eine rauchige Crème Brûlée mit reifen Früchten, süßer Tabak, ganz fein geschliffene Tannine, enorm vielschichtig und dann ein endloser Abgang, der ewig anhält und Tabak und Rauch manifestiert.

Ein Beduine bringt Köstlichkeiten aus einer anderen Welt an die Küste des Mittelmeers. In einem Zelt breitet er seine Ware aus, an seinem Burnus haftet noch der Sand der arabischen Wüste, fremde Gerüche, fremde Gewürze, Geschichten, Träume von tanzenden Derwischen, gehauchte Geschichten der Scheherazade, die Schwere, die Unglaublichkeit der endlosen Wüste, wirbelnde Schatten im Glanz einer untergehenden Sonne.

Desert

Château Musar Red 1998 – um die € 49,00.

 

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