Ein Rebell ? Eine Legende ? Ein Grandseigneur ? Ein durchtriebener, hinterhältiger Schweinehund ? Sicher das und noch einiges mehr !
Ich war definitiv zu neugierig. Eine solche Ikone würtembergischer Weinkunst nur vier Jahre nach der Ernte zu verkosten war auf jeden Fall zu früh. Weitere drei Jahre im Keller und wir erleben hier einen weltgewandten Gastgeber mit vorzüglichen Manieren und in weiteren vier Jahren vermutlich eine Legende. Auch wer zu früh kommt, den bestraft manchmal…., aber egal.
Was sollte ich denn machen? Dummerweise lag er im Weinkeller an einer äußerst exponierten Stelle und jedes Mal, wenn ich den Keller betrat (und das tue ich oft) betrachteten wir uns mit großem Interesse. Ich möchte unser gegenseitiges Annähern hier nicht ausschmücken, man kennt das ja, erst scheue Blicke, dann ein vorsichtiges Lächeln, ein verhaltener Gruß…Letztendlich kam es, wie es kommen musste und eines Abends begleitete er mich zu einem Glas und meinem Korkenzieher:
Ein tiefdunkles Rot im Glas, beim Schwenken entstehen ganz träge Kirchenfenster, die mehr Sirup als Wein suggerieren. In der Nase Kirsche, moosiges Holz, etwas Rauch, Tabak, Veilchenpastillen, wow, und das so kurz nach dem Öffnen. Mmh, jetzt der erste Schluck, genossen, mit geschlossenen Augen….Da haut mir dieser rebellische Kerl einen Schwall Tannine in den Mund, dass mir die Augen vortreten. Ok, ich hab´s kapiert, wir befinden uns noch in der Sturm und Drang Phase und lassen noch lange nicht alles mit uns machen. Der braucht Luft, Luft, Luft und nochmals Luft. Also, ab in die Karaffe und einfach mal eine Nacht stehen lassen.
Eine Nacht?…..Das dauert zu lange, nach 4 Stunden plötzlich harmonische Töne und Kraft, nach 5 Stunden sind die Tannine fast eingebunden, ein unglaublicher Hammer, voll, wuchtig, reif, völlig souverän, kräftig und weltgewandt, jetzt beginnt er Geschichten zu erzählen. Und ich höre gerne zu. Nur mit schier übermenschlicher Kraft gelingt es mir die Flasche nicht bis zur Neige zu leeren. Da muss noch etwas für morgen übrigbleiben.
Am nächsten Abend weiß ich dann was der Hammer ist (ein Werkzeug, HaHa), überwältigende schwarze Johannisbeere, aus dem Glas brodeln alle möglichen Essenzen heraus dunkle Schokolade, geröstete Kaffeebohnen, Marmelade von dunklen Früchten, all das strahlt eine Wohligkeit aus, deren kleinen Glücksmoment man so schnell nicht vergisst. Aber dann sind Glas und Flasche leer und es wäre noch so viel zu erleben gewesen. Ich schiele in den Flaschenhals, schüttele die Flasche, kein Tropfen will mehr fließen und dann begehe ich einen Fehler, einen dummen, amateurhaften Anfängerfehler. Ich pule mit meinem Zeigefinger in den Flaschenhals, um den vermeintlich letzten Rest an Flüssigkeit herauszuzwingen und stecke fest! Ich stecke tatsächlich fest und bekomme meinen blöden Zeigefinger nicht mehr heraus. Dieser hinterhältige, miese Schweinehund läst mich den Abend unter dem Gelächter meiner Familie vor einer Schüssel mit Eiswasser verbringen, in die ich Finger mit Flasche tauche, um irgendwann wieder freizukommen. Irgendwie hat er mich im Keller schon so komisch angesehen….
Vor ein paar Jahren noch für € 31,00 erstanden, zahlt man jetzt für den 2012er schon an die € 40,00, aber der eine oder andere Händler bietet ihn noch an…..