Kinder, Familie, Menschheit im Allgemeinen!
Es gibt Momente, da wird der Papa ernst!
Das ist sehr selten, weil er eigentlich fast allem irgendwie etwas Komisches oder Lustiges abgewinnen kann (vor allem sich selbst), aber es kommt vor.
Meistens hat das bei ihm etwas mit Ehrfurcht zu tun und dann auch mit Demut.
In epischen Momenten schiebt sich schon einmal eine Träne in seine Augen, dieses Gefühl an etwas wirklich Großem teilzuhaben, einen Zipfel von dem zu spüren, was uns alle eint. Dann wird er erst still und dann leider bekehrend, will die frohe Botschaft in die Welt bringen, ob sie (die Welt und weil die doch recht groß ist zunächst die Familie) das will oder nicht.
Also, ich merke schon jetzt, dass die ganze Sache länger wird. Wer keine Zeit hat oder gar keine Lust hier, quasi als Abkürzung, meine Zusammenfassung – ist so was von unsexy, das ich kaum hingucken kann, daher auch kleiner:
Nase: Kirschgelee, Waldbeermus (also alles eingekocht, fein konzentriert), feiner Rauch, feine Würznoten, etwas Vanille, sonnenverbannte Walderde unter einer großen Eiche in der gerade ein Trüffelschwein gräbt
Gaumen: seidig, lebhaft, sehr animierende Frucht, erst reife Sauerkirsche, dann Pflaume, fast weihnachtlich wegen der Würze, im Abgang etwas herb mit nachhaltiger Wärme, so einer, bei dem Mann noch fünf sechs Atemzüge ganz bewusst tut, um etwaige entfleuchende Aromen wieder einzufangen.
So, wer jetzt noch da ist darf in größeren Lettern:
Ich hatte diesen Spätburgunder zuletzt vor drei oder vier Jahren im Glas und war gelinde gesagt enttäuscht. Ein Spätburgunder eben, ja, Kirsche, Holz und Rauch, aber das passte alles nicht zusammen, unstrukturiert, beißende Tannine, keine Balance. Da half es nur zu warten und wie so oft, zumindest beim Wein, ist Geduld eine hohe Tugend.
7 Jahre Reife haben diesem Wein ein völlig anderes Gesicht gegeben und zeigen zu welchen Wandlungen diese divenhafte Traube fähig ist.
Nach dem Öffnen innerhalb kürzester Zeit eine umgarnende Präsenz feiner und subtiler Düfte. Wie ein Seidenband, von dem man schwebend gefangen und in eine Welt entführt wird, in der es nur noch Gerüche gibt. Nase! Nur noch Nase! Dazu das Gefühl, dass auch noch unterschiedliche Wärmestufen aus dem Glas aufsteigen.
Das fesselt und macht einfach nur dankbar so etwas erleben zu dürfen. Das kann nur Wein, denn sonst treten diese kombinierten Düfte in unserer Welt nicht auf. Im Speziellen und in der Spitze müssen diese olfaktorischen Eruptionen wahrscheinlich auch einem Spätburgunder entsteigen, weil keine andere Traube zu solchen Feinheiten fähig ist, aber darüber will ich mich nicht streiten.
Gänsehaut und tiefe Glücksgefühle, schon vor dem ersten Schluck. Die Welt ist so groß und das muss sie auch erfahren.
Ehrfürchtig und gemessenen Schrittes trage ich das Burgunderglas vor mir her wie den heiligen Gral und suche meine Jünger.
Kind 1 (männlich (also bald, trotz Bart…, sorry Sohn)17 Jahre) erwischt es zuerst und kann bei einem Videospiel überrumpelt werden. In die Enge getrieben riecht er sogar am Glas, verzieht angewidert das Gesicht, schüttelt sich, presst verächtlich „Alkohol“ hervor und widmet sich wieder der Rettung unseres Universums, das von überdimensionalen außerirdischen Kampfmaschinen bedroht wird. Naja, ist sicher auch wichtig, wer weiß, wozu die im Stande wären und seine Unlust am Alkohol empfinde ich natürlich in diesem Alter eher als beruhigend, nur ein bisschen differenzierter könnte er schon auf dieses phantastische Beispiel höchster Winzerkunst reagieren. Aber was weiß ich schon über den Geschmack von Wein in den weiten der Galaxien.
Bei Kind 2 (weiblich (schon lange und für einen Vater viel zu deutlich…) 15 Jahre) ist aus pubertierenden Gründen selbst die vorsichtige physische Annäherung im Moment nicht wirklich belastungsfrei möglich. Ich klopfe ganz vorsichtig an die Zimmertür und trete nach eindeutig aufforderndem Schweigen behutsam ein. Ein durch den Schminkspiegel reflektierter strafend-missbilligender Blick drückt alles aus, was in einer solchen Situation zwischen Vater und Tochter gesagt werden könnte. Eigentlich sehr effizient und sehr entgegengesetzt zu den Sprechanfällen die diesen Teil der menschlichen Spezies unergründlich für den anderen Teil des Öfteren heimsucht:
- Du nervst
- Wenn ich dauernd gestört werden wird das mit meinem neuen Lidschatten nie etwas (eigentlich sagt sie etwas anderes, aber ich habe schon lange aufgegeben das entsprechende Fachvokabular verstehen zu wollen, im Prinzip geht es um das völlig unnötige Verbessern ihres eh schon guten Aussehens mittels verschiedener extrem hochpreisiger Schminkmittel, vielleicht aber auch um das vorzeitige Verdecken zukünftig potentiell auftretender Falten und Hautirritationen (Aua!))
- Er hat ein Weinglas in der Hand!!!!!!!!!!
- O.K., den kriege ich hier am schnellsten wieder raus, wenn ich mitspiele, das nervt!
- Komm schon her und lass mich riechen
„Hm, Kirsche, Pfeffer, Rauch, Erdbeeren und Alkohol. Papa, Du weißt, dass ich keinen Wein mag! Und Tschüss, Du nervst!“
Na also, geht doch, Begeisterung ist zwar etwas anderes, aber hier besteht Hoffnung und eine gute Nase hat sie schon lange.
Bleibt noch meine Frau. Da ist das Problem, dass meine Lieblingsmittrinkerin dem Spätburgunder an sich nicht so sehr viel abgewinnen kann. Ein Phänomen, dass ich bisher bei vielen Frauen bemerkt habe, warum auch immer. Bei einigen hilft natürlich, wenn man das Ganze dann Pinot Noir nennt, aber mit denen macht das Trinken dann nicht viel Spaß. Über dieses Stadium ist meine Frau natürlich längst hinaus, da nützt es auch nichts, wenn ich witzig und pointiert die Versteigerungspreise von Romanée-Conti der letzten 10 Jahre aufsage. Auch nicht im Schüttelreim.
Aber, ABER, dies ist ein großer Tag. Vielleicht ist es ja nur Mitleid, weil sie gesehen hat, dass ich vom Bekehren der ganzen Welt, von meinem unerbittlichen Kampf in der vinophilen Diaspora, nun doch ein wenig erschöpft bin, aber egal und manchmal ist zuviel Denken auch nicht gut: Sie trinkt ein Gläschen mit! Und: Relativ zu Ihrer eigentlich Meinung über den Spätburgunder an sich, bricht sie in einen wahren Sturm der Euphorie aus. Sie lacht, springt auf, tanzt um den Tisch, wirft Feenstaub in die Luft und in unserer Küche öffnet sich direkt unter der Decke, ein kleines, lichtumkränztes Dimensionentor aus dem ein von Ziegenböcken gezogener Wagen hervorbricht, auf dem Dionysos steht und seinem vielköpfigen Gefolge aus Nymphen und Satyren fröhlich zuwinkt. Ja, all das kann meine Frau. – Objektiv betrachtet hat sie kurz eine Augenbraue gehoben.
Aber, ich bin glücklich. Die Welt hat mich gehört, mein Tagwerk ist vollbracht und nun kann ich endlich genießen:
Nase: Kirschgelee, Waldbeermus (also alles eingekocht, fein konzentriert), feiner Rauch, feine Würznoten, etwas Vanille, sonnenverbannte Walderde unter einer großen Eiche in der gerade ein Trüffelschwein gräbt
Gaumen: seidig, lebhaft, sehr animierende Frucht, erst reife Sauerkirsche, dann Pflaume, fast weihnachtlich wegen der Würze, im Abgang etwas herb mit nachhaltiger Wärme, so einer, bei dem Mann noch fünf sechs Atemzüge ganz bewusst tut, um etwaige entfleuchende Aromen wieder einzufangen.
Seinerzeit für € 25,50 erstanden, jetzt habe ich noch 2 Flaschen und befinde mich voll in der Lotterie der Weinseeligen. Die ewige Frage, jetzt trinken oder später?
